Corona - Sprechen wir über Ethik und Gerechtigkeit

Interview Dr. Matthias Thöns, Facharzt für Anästhesiologie Notfall-, Schmerz- und Palliativmedizin


Dr. Thöns, wir müssen mal was fragen: Hauptsächlich ältere Menschen sterben an und mit Corona. Man redet über die Anzahl von Intensiv- und Beatmungsplätzen. Das sind genau die Themen, die in der Palliativmedizin seit Jahren besprochen werden. Wo ist der palliative Gedanke im Moment?

Wenn man ehrlich ist, dann ist Covid-19 keine intensivmedizinische Erkrankung. Es sind im Schnitt über 80jährige Patienten schwer betroffen, die in den allermeisten Fällen multimorbid, also mehrfach erkrankt sind. Die bekommen durch dieses Virus eine Lungenentzündung und die ist dann tödlich. Den Großteil der Betroffenen hat schon immer die Palliativversorgung behandelt. Früher nannte man die Lungenentzündung am Ende des Lebens den Freund des alten Menschen. Und jetzt geht man her, diagnostiziert die Corona-Infektion und macht daraus einen Intensivfall und kann die Patienten natürlich trotzdem nicht retten. Die sind einfach zu schwer krank.


An der Beatmung starben in China 97 Prozent der Patienten, 3 Prozent, eher die Jüngeren, konnte man retten. Wir machen jetzt hier eine intensivmedizinische Supervorsorge, kaufen teure Geräte, machen Wochenendkurse für medizinisches Personal für eine Gruppe, die das in den meisten Fällen gar nicht will.


Das sind heftige Aussagen, die dem Angstmodus widersprechen, der alle umtreibt. Äußern Sie sich so öffentlich?

 

Ja, ich habe gerade mit Dr. Sitte von der Deutschen PalliativStiftung einen Artikel bei bibliomed platziert und ich bin drauf und dran, eine Presserunde zu machen. Es ärgert mich maßlos, dass die Denke der Bevölkerung und der Politik weltweit in die falsche Richtung geht. Was wir hier machen, verstößt gegen jedes ethische Prinzip.

 

Es gibt vier Prinzipien der Ethik in der Medizin. Erstens: Wir müssen Menschen wunschgemäß behandeln. Wir wissen, dass 91 Prozent der über 75jährigen keine intensivmedizinische Behandlung bei schweren Erkrankungen mit der Gefahr folgender Schwerbehinderung wollen.  Genau das ist aber Covid-19. 97 Prozent sterben und bei den 3 Prozent Überlebenden besteht eine 90-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die dann schwer behindert sind. Dieser erste Punkt wird missachtet, wir behandeln Menschen gegen ihren Willen.


Zweitens: Wir müssen als Ärzte dem Patienten guttun. Drittens:  Wir dürfen dem Patienten nicht schaden. Mehr nutzen, als schaden. In einer Situation, wo ich 97 Prozent Sterbefälle an Beatmungsgeräten habe, eine leidvolle Therapie über zwei bis drei Wochen dem Patienten zumute und die, die überleben, kommen in einen Zustand, den sie nicht wollen. Da ist deutlich mehr Schaden entstanden als Nutzen.

 

Das vierte Prinzip ist Gerechtigkeit. Es wird immer gesagt, über Gerechtigkeit darf nicht gesprochen werden. Die Ressourcen müssen zur Verfügung gestellt werden. Punkt. Es gibt aber mehrere Faktoren der Gerechtigkeit: Da ist einmal die Gerechtigkeit, wenn ein unrettbarer 80-jähriger Patient beatmet in einem Bett liegt, dass die 30-jährige junge Mutter nach einem Verkehrsunfall keinen Beatmungsplatz hat und stirbt. Das ist die eine Sache. Aber es gibt noch einen anderen Faktor der Gerechtigkeit. Wir wissen aus Spanien, dass 12 Prozent des Medizinpersonals sich im Moment infizieren. In China waren es 3,4 Prozent, die waren anfangs noch gut geschützt. In Italien waren es 9 Prozent. Wir wissen, dass bei Atemwegsprozeduren, wie Intubieren, Absaugen, oder Bronchoskopien die Infektionen zu Stande kommen. Die ganzen Maßnahmen, bei denen wir den Virus in die Luft tragen, sind hoch infektiös. Und wir können uns im Moment in Deutschland nicht ausreichend schützen. Nicht nur, weil das Material fehlt, sondern weil die höchste Stufe des Schutzes, die FFP3-Masken auch noch zu 5 Prozent undicht sind. Man merkt das daran, dass z.B. die Brille beschlägt, wenn man die Maske trägt.


Wir haben also unzureichend Personalschutz und behandeln damit Patienten, die nicht rettbar sind. In Italien sind 69 Kollegen und Kolleginnen gestorben, das sind nur die Ärzte. Das werden hunderte Schwester und Pfleger sein, die gar nicht genannt werden. Ist das gerecht, dass wir Menschen aussichtslos beatmen und damit gesunde Menschen einer schweren Gesundheitsgefahr aussetzen?

Was wäre die Lösung in Ihren Augen?


Wie wir es immer gemacht haben. Die Lungenentzündung am Ende eines Lebens bei einem vielfach Erkrankten gehört nicht auf die Intensivstation. Die müssen palliativmedizinisch behandelt werden. Man muss die Atemnot lindern, das kann man mit Morphium gut machen. Und genau das geschieht auf vielen Intensivstationen nicht. In einer kürzlichen Untersuchung erhielten nur 0,6 Prozent der Intensivpatienten Palliativversorgung. In Italien wurden die Menschen, die in der Triage durch die Lücke gefallen sind, in die Nebenräume geschoben und mussten dann einsam und ohne Verwandte ersticken. Und das kommt auch auf uns zu. Wir werden bei gleichbleibender Dynamik und wenn uns das besser werdende Wetter nicht rettet ca. 300.000 Intensivfälle innerhalb von zwei Monaten bekommen, bei 30.000 Betten, die jeweils 2-3 Wochen dann besetzt wären. Das kann nicht funktionieren. Ich bin froh, dass die Intensivmediziner sich dazu bereits kluge Gedanken gemacht haben und sinnvolle Verteilungsregeln aufgestellt haben.

Dann wäre die Lösung, dass man die alten, multimorbiden Patienten diagnostiziert und zu Hause lässt?


Genau, und durch ein kleines Team palliativ betreut. Es gibt Menschen, die haben einen sehr starken Lebenswillen, die können auch mit einem Sauerstoffkonzentrator zu Hause überleben. Und natürlich sollen die wenigen, die Beatmung nach Aufklärung wollen dann auch auf die Intensivstation. Ich rate immer dazu, sich viel auf den Bauch zu legen. Aber Beatmung rettet die wenigsten. Im Pflegeheim kann man Stationen für Covid-Betroffene machen und diese palliativ betreuen.

Was treibt die Entscheider an, den eingeschlagenen Weg zu gehen?


Ich denke, die sind im Panikmodus. Weltweit wird das so vorgelebt. Und mich macht so traurig, was da noch kommen wird. Im Moment klagen die Krankenhäuser, weil die Betten leer sind. Sie haben ganz viele Beatmungsgeräte frei. Was wird da passieren? Als erstes werden in 14 Tagen uralte Menschen in die Klinik gebracht werden. Da giert doch mancher Geschäftsführer schon darauf, das Gerät anzuschalten und Umsatz zu machen. Wir werden in 14 Tagen die Stationen voll haben mit nicht-rettbaren, multimorbiden Alten. Und wenn die dann an den Geräten sind, stellt sich die Frage, wer die wieder ausschaltet. Das ist doch dann ein Tötungsdelikt. Die Indikation wurde ja gestellt und wenn man das Gerät dann ausschaltet, kann man doch nicht einfach sagen, die Indikation wäre nicht mehr da, nur weil man das Bett benötigt. Wir kommen in eine wahnsinnige ethische Katastrophe, auf Grund von Geldgier.


Was wäre Ihre Empfehlung für die gesamte Bevölkerung?

 

Ich plädiere dafür Masken zu tragen und sich an die Empfehlungen zu halten. Denn natürlich sind nicht nur Sterbende betroffen und zu viele Fälle auf einmal – auch bei denen wo Intensivmedizin Sinn macht und gewollt ist -  führen in die Krise. Deshalb müssen wir die Ausbreitung verlangsamen. Aber wir brauchen eine Exit-Strategie, um aus der Isolierung wieder raus zu kommen. Die hat ja auch Folgen, über die wir jetzt gar nicht gesprochen haben.

 

Dr. Thöns, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Montagsinterview: Jennifer Sonntag und Dirk Rotzsch

Jennifer Sonntag ist TV-Moderatorin, Autorin und Diplom-Sozialpädagogin. Ihr Partner Dirk Rotzsch ist Koch, Autor und Gelegenheitsmusiker.


Foto: Stefan Sander
Foto: Stefan Sander

Was habt Ihr mit dem Tod zu tun?


Jennifer: In meinen sozialpädagogischen Tätigkeitsfeldern war ich in den letzten 20 Jahren immer wieder mit den Themen Verlust, Verletzlichkeit und Vergänglichkeit konfrontiert. Auch durch den Verlust meines Augenlichts habe ich mich schon früh Themen gestellt, die Lebenseinschnitte in den Blick nahmen und mir wurde sehr bewusst, dass mir nicht alles endlos zur Verfügung stand, auch wenn es bis gestern noch selbstverständlich schien. 2019 war ich Botschafterin für die Stadt der Sterblichen in Leipzig, auch um zu zeigen, dass es Bewältigungsmöglichkeiten gibt, wenn man jemanden oder etwas betrauern muss. 


Dirk: Schon einmal und seit Neuestem arbeite ich wieder in einem Pflegeheim, da ist es Alltag, dass Biographien enden. Aber wie Jenny schon sagt, Vergänglichkeit begegnet uns immer im Leben, auch wenn es ganze Industrien gibt, die uns vorgaukeln, sie können den Verfall aufhalten.

Wie seid Ihr zu diesem Thema gekommen?


Jennifer: Ich habe gelernt, dass Trauerarbeit nicht nur beim Verlust eines Menschen greift, sondern sich auch auf den Verlust von Gesundheit oder Lebensmöglichkeiten beziehen kann. Trauerarbeit und die dafür zur Verfügung stehenden Modelle haben mir in meiner Arbeit mit Menschen sehr geholfen, nicht nur bei lebensverkürzend Erkrankten, sondern auch bei Betroffenen, die z.B. einen wichtigen Sinn abgeben mussten. Sterben und Neuorientieren fasse ich hier durchaus etwas weiter und mache gern Mut, diese Themen nicht zu scheuen. Die Angst und die Verdrängung sind das, was uns lähmt, nicht das Thema an sich.


Dirk: Ich hatte leider früher als ich es gewollt hätte Berührung mit dem Thema. Meine Mutter ist recht früh (ich war zwölf) aus dem Leben geschieden (wie man es geschmeidig formulierte). Unprosaisch: Sie hat sich erhängt. Ist dann schwer für einen selbst und für die Umwelt – auch oder gerade weil Suizid eine der häufigsten Todesursachen in der DDR war. Ob das der Grund war, dass ich mich eher in der Subkultur wohlfühlte, steht zu vermuten. Allerdings kann ich nichts mit Menschen anfangen, die den Tod über Gebühr romantisieren: Er verwandelt Abermillionen Eindrücke, Erfahrungen und Emotionen in Materie.


Was macht der Tod mit Eurem Leben?


Jennifer: Er hat mich in vielen Bereichen zu einem aktiven und engagierten Menschen gemacht. Ich thematisiere ihn in meiner Medien-, Kultur- und Bildungsarbeit und schöpfe auch selbst Kraft aus Projekten, in denen es heilsamen Raum für das vermeintlich Undenkbare und Unaussprechliche gibt.


Dirk: Ich sehe das sehr ambivalent. Natürlich sollte man immer im Blick haben, dass der Endboss wartet. Aber das kann auch unheimlich viel Druck aufbauen. Irgendwas zwischen Motivation und Gelassenheit wäre nicht schlecht. Es gibt ja wirklich viele Menschen, die ihr Leben suboptimal nutzen, aber man muss aufpassen, dass man nicht in der Optimierungsfalle landet und als Individuum auf der Strecke bleibt für fremde Interessen. Ich wäre totunglücklich, wenn ich so enden würde wie, eigentlich, mächtige Menschen, von denen nur noch zu lesen sein wird, dass sie ein großes Missverständnis waren- deswegen sage ich: „make your life great again“.

Was denkt Ihr über unser Verhältnis zum Tod?


Jennifer: Menschen haben da unterschiedliche Schmerzgrenzen, das habe ich bei der Gestaltung von Medienbeiträgen gespürt. Einerseits kam es bei unseren Zuschauern sehr gut an, dass ich auch einmal über etwas so Unbequemes wie Trauer gesprochen habe, andererseits galt es, Worte wie Tod oder Sterblichkeit zu vermeiden. Medienmacher und Redaktionen sind hier noch sehr vorsichtig weil sie nicht ganz sicher sind, wie Zuschauer darauf reagieren. Ich beobachte hier also durchaus noch ein etwas verkrampftes Verhältnis. Beautythemen und Tierfotos werden bei Facebook und Insta zweifelsohne häufiger geliked, aber auch hier gibt es zunehmend Offenheit für traurige Themen, die schnell auch in absurde Trends kippen können. Es gibt aber einen Personenkreis, von dem ich sehr viel Dankbarkeit dafür empfange, endlich die Angst zu nehmen und einen natürlichen Umgang mit Todesthemen zu bahnen.


Dirk: Kommt er abstrakt daher wie im Film oder als virtuelles Spiel, ist der Umgang recht unverkrampft bis nicht ganz geschmackssicher. Betrifft es die Person selbst, ist man dann nicht mehr so abgeklärt. Dabei kommt es zu absurden Konstellationen: Man fährt zu Achtsamkeitsseminaren,  um mehr Lebensqualität und letztendlich Lebenszeit zu erreichen. Andererseits führt ein energie-und ressourcenvernichtendes Leben zur allgemeinen Lebensverkürzung. Was nützt es alt zu werden, wenn man gerade im Alter an Hitze und Wassermangel leidet und letztendlich eher daran stirbt…Klar man kann sich eine energieintensive Klimaanlage zulegen.


Habt Ihr einen Rat für die Menschen, wie sie dem Tod begegnen könnten?


Jennifer: Lebendiger, angstbefreiter, gestalteter. Die Lieben, die ich verabschieden musste, gehören für mich somit ziemlich bunt und fröhlich in meinen Alltag und das ist inzwischen nicht mehr düster, das ist nach einem gesunden Bewältigungsprozess und vielen Tränen sogar wieder wie Zusammenwachsen. Raten kann ich nur, was sich für jeden stimmig anfühlt. Tabus helfen langfristig im Umgang mit dem Tod oft eher nicht, hier bedrohen uns dann buchstäblich die „Leichen im Keller“ und belasten unser Seelenleben. Integrierende Trauerrituale helfen, die Ängste zu nehmen, Gefühls- und Handlungsoptionen im Umgang mit dem Tod sowie Bewältigungsmöglichkeiten können aufgezeigt werden und uns weich für das harte Thema machen.


Dirk: Dem Tod begegnet man am besten erst zum Schluss und vorher sollte jede Menge Leben sein. Einem Deutschen erklärt man es am besten so: Was nützt es, wenn ein Auto zwanzig Jahre in der Garage steht - wie aus dem Ei gepellt. Wenn es jedoch eine Laufleistung von 200 000 Kilometer hatte, klopft man zufrieden auf das Blech und sagt: „der war sein Geld wert.“ So in etwa habe ich das für mich geplant. Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch, gerade vor dem Tod und dem Moment des Sterbens habe ich jede Menge Angst. Deswegen möchte ich in einem Gefühl der Lebenssattheit sterben, mit der Erkenntnis: Jetzt kommt nix mehr. Dann in Ruhe das Essen verweigern und alle Lebensfunktionen einstellen. Das wünsche ich jedem Menschen: selbstbestimmt sterben. Nicht eher sterben: wegen Krankheit, Armut, wegen: auf dem falschen Kontinent geboren, oder weil irgendein toxischer Mensch seine Probleme nicht in den Griff bekommt und andere tötet.


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Montagsinterview: Roman Shamov

Roman Shamov ist ein deutscher Schauspieler, Sänger und Autor. Er ist auf den Bühnen des Landes unterwegs und singt bei den Meystersingern.


Was haben Sie mit dem Tod zu tun?

Ich werde sterben. Ich verdränge das. Ich fliehe davor.

 

Ich versuche manchmal stehen zu bleiben, mich umzudrehen, um zurückzuschauen, dann bin ich immer kurz davor in Flammen aufzugehen, mich in Luft aufzulösen, zu explodieren, zu schreien, mich vor Krämpfen windend auf dem Boden zu wälzen, wimmernd um Gnade zu flehen oder hasserfüllt zu brüllen: „Hau ab du Arschloch, lass mich endlich in Ruhe, du Sau, du Aas, du widerliche Dreckskreatur der Hölle, verpiss dich, geh dahin, wo du hergekommen bist!“ Und immer wieder, an genau dieser Stelle meines Angstfilms, überlege ich mir, dass es wohl doch besser ist, weiter zu rennen und lieber doch noch schnell was zu essen, in mich reinzustopfen, so im vorbeigehen, Curry 36, Mustafa’s Gemüse Kebap, ach nee, da muss ich ja dann auch schon wieder stehen bleiben und in der Schlange warten, nee das möchte ich nicht, einfach weiterlaufen, -rennen, -hasten, Musik an, Gehirn aus: „NEIIIIIN.“ geht nicht, der nächste Song war von Dead can Dance (Der Tod kann tanzen), einer Band aus Australien, danke Spotify Shuffle, du machst doch mit der da hinter mir, diesem Fräulein Tod gemeinsame Sache, oder?!

Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

In meiner Jugend waren mir die Friedhöfe der Stadt Berlin/Ost immer eine wohlige Zuflucht, ein Ort des Friedens, der inneren Einkehr.
Endlich keiner mehr, der was von mir will, dass ich lebe, dass ich funktioniere, dass ich OK bin, scheiss drauf.

All die, die hier um mich versammelt sind, haben lange schon ausgekichert, ausgeatmet, sich verpisst, sind abgetreten, auf die Reise ohne Wiederkehr gegangen. Tschühüs, auf Nimmerwiedersehen ihr blöden Vollidioten.

Stille, nur das Rauschen, der mit Efeu überwucherten Hecken und Bäume, kühle Einsamkeit auf den ausgetretenen Wegen zwischen den alten, zerfallenen Gräbern. Krah, krah immer wieder mal eine Krähe mit einer Wallnuss im Schnabel, ein Spatz, ein Eichhörnchen mit einer Haselnuss im niedlichen Mäulchen und Buschelschwanz, wipp, wipp, ganz aufgeregt hier in der reglosen, vor sich hindämmernden Zeitlosigkeit.

Das war und ist mir ein zu Hause, egal wo auch immer ich gerade bin auf der Welt, die Friedhöfe könnten unterschiedlicher nicht sein, die Stimmung ähnelt sich aber überall, ein bisschen wenigstens, in mir, in meiner „Auseinandersetzung“ mit Fräulein Tod zumindest.

Ich bin sehr froh, dass es Friedhof heisst und nicht Todhof oder Verschiedenengarten oder so, dass in dieser Wortschöpfung der Fokus auf dem liegt, was der Ort in mir hervorbringt, das macht mich froh und ist auch schuld daran, dass das Thema Tod einen friedlichen Platz in meinem Leben gefunden hat.

 

Was macht der Tod mit Ihrem Leben?

"Tja, was machstn du mit meinem Leben Tod, hä?“
„Ich?“
„Äh ja, klar, du Tod, oder heisst hier sonst noch jemand so?!“
„Nee.“
"Na siehste, was machstn du nun so mit meinem Leben, hä?!“
„Ich?“
„Jaha, duhu!“
„Na ich mach ja wohl gar nichts mit deinem Leben!“
“Was, wie?!“
„Na wenn hier irgendjemand was mit seinem Leben macht, oder auch nicht macht, dann bist das ja wohl du, nich ich!“
„Boah wie doof, stimmt voll, grumpf!"
„Wieso grumpfstn du da?“
„Na weil ich gehofft hatte, dass ich dich schön für so ganz viele Dinge verantwortlich hätte machen können.“
"Ach, echt?“
„Ja total!“
„Ach…….., wie unpraktisch.“
„Was? Unpraktisch? Wieso?“
„Na wenn du mich für so ganz viele Dinge in deinem Leben verantwortlich machen möchtest, muss es dir doch so vorkommen, als wenn so ganz viele Dinge in deinem Leben gar nichts mit dir zu tun haben würden, so als würdest du dem Leben einfach so ausgeliefert sein und könntest gar nichts dafür, wie alles läuft und ist und so, oder?!“
„Ja genau, genau das wollte ich grade gerne sagen!“
„Ja und? Warum sagst du das dann nicht einfach?“
„Weil du ja gerade gesagt hast, dass du mit meinem Leben so rein gar nichts machst, sondern nur ich.“
„Stimmt.“
„Na super und wofür bist du dann verantwortlich?“
„Na für deinen Tod.“
„Aber du bist doch mein Tod.“
"Stimmt, bin ich und du bist dein Leben.“
„Mh ja, stimmt auch wieder. Grumpf. Aber nur 'n bisschen, versprochen.“

Wenn es gut läuft, dann macht (bringt) der Tod Frieden mit (in) mein(em) Leben.

Dann bewirkt diese mir mehr und mehr bewusst werdende Grenze, diese sich mir mehr und mehr zeigende Vergänglichkeit Wertschätzung in meinem Leben. Wertschätzung für die, die mir nahstehen, Mensch und Tier, für mein am Leben sein, die Schönheit und die Intensität meiner Arbeit und meinen Mut, mich mit all dem auseinanderzusetzen, mit dem ich mich auseinandersetze, mehr oder weniger freiwillig, eigentlich wirklich mehr freiwillig. Wertschätzung für den jetzigen Augenblick, die Stille und die Weite, die entsteht wenn ich mal, und das kann ich noch nicht so oft, aber eben wenn ich es manchmal schaffe innezuhalten und mir gewahr zu werden, wo und wie ich gerade unterwegs bin. So wie jetzt, hier in diesem Augenblick, in dem ich diese Worte niederschreibe und sich in mir ein Pforte öffnet, die mich gewahr werden lässt, dass irgendetwas hinter und in mir lächelt und mich tief, ganz tief und samten mit seinen wohlwollenden, warmen Armen umfängt. Aus dieser Wahrnehmung heraus entsteht Glück in mir, das Glück sich geborgen zu fühlen und genauso richtig zu sein, wie ich hier und jetzt gerade bin, ein schönes Gefühl, dass aber auch gleich wieder weiterzieht, so als hätte es mir nur einmal kurz zugeblinzelt, da blinzele ich doch gleich mal zurück und schicke einen Kuss hinterher, danke!

 

Was denken Sie über unser Verhältnis zum Tod?

Dazu fällt mir sofort ein Zitat Wladimir Iljitsch Lenins ein: „Lernen, lernen, nochmals lernen.“

Da es sich aus irgendeinem Grund, der mir nicht ganz klar ist, in unserer Vergangenheit so entwickelt hat, dass die Themen Tod und Sterben nicht einmal mehr mit der Kneifzange angefasst werden, dass im Radio und im Unterhaltungsfernsehen alles immer bis zum Bersten, mit Pauken und Trompeten, guter Laune und Schwung weggefeiert werden muss, bloß nicht mal kurz zu sich kommen, bloß nicht mal kurz anhalten und sich auch dessen gewahr werden, was tief in uns schmerzt und sich unangenehm anfühlt, haben wir es ein bisschen verlernt uns unserem Leben in voller Gänze zuzuwenden. Aber, und das ist mir hier besonders wichtig: Zu verallgemeinern ist meistens nicht wirklich angebracht, oder zumindest nicht wirklich hilfreich, denn ich kenne ganz wunderbare Menschen, die mit dem was sie tun jetzt schon einen grossen Unterschied gemacht haben und auch noch weiter einen grossen Unterschied machen werden. Ich danke diesen Menschen aus vollem Herzen für ihren Mut und ihr Engagement, dem Sterben und dem Fräulein Tod gegenüber. Sie haben vielen von uns schon geholfen, so dass Tod und Sterben nicht mehr ganz so entsetzliche Schreckgespenster in unseren Häusern sein müssen. Ihr macht, dass wir mit weniger Angst vor dem Unvermeidlichen, erst richtig anfangen können, unser Leben zu geniessen, dass habe ich zumindest in den letzten Jahren immer und immer wieder von euch gelernt. Meinen tief empfundenen Dank dafür an euch.

Haben Sie einen Rat an die Menschen, wie sie dem Tod begegnen könnten?

Am besten nicht so viel darüber nachdenke, wenn es geht, lesen, lernen, sich kulturell und philosophisch mit dem Thema auseinander setzen JA, unbedingt, aber stell dir nichts vor, versuche so gut es geht offenen Auges und Herzens auf Fräulein Tod zuzugehen. Du kannst nicht wissen wie sie aussieht und wie sie sich dir und den von dir geliebten Menschen und Tieren nähern wird.

Es wird immer eine grosse Herausforderung bleiben mit dieser Situation umzugehen, versuche sanft mit dir und deinen geliebten Menschen zu sein. Es wird weh tun. An dem Punkt, an dem ich heute bin, bin ich der Meinung, dass der Schmerz unabdingbar zum Leben und der Liebe dazugehört, so sehr ich auch gerne raus auf die Strasse gehen möchte und laut dagegen protestieren: "Nieder mit dem Schmerz, hau ab, hau ab, hau ab, geh dahin wo dich...., äh, wo dir....., äh wo ich........." Da hört der Protest dann leider auch schon auf, da bin ich leider völlig ratlos. Ich versuche mir immer wieder zu sagen, wenn etwas dein Herz berührt, bzw. in aller Form erobert hat und wenn du den Mut und die Kraft gehabt hast jemanden, ob Tier oder Mensch in dein Herz hineinzulassen, dann wirst du auch die Kraft und den Mut haben ……. es wieder los zu lassen?! Ich weiß es nicht, dass sage ich hier ganz offen, ich habe keine Ahnung ob das stimmt, aber ich möchte es gerne glauben und werde davon zu berichten wissen, dann später, wenn wir uns ein nächstes mal lesen, sprechen, sehen.


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Montagsinterview: Dr. Anja Kretschmer


Was haben Sie mit dem Tod zu tun?

 

 

 

Sowohl privat als auch beruflich habe ich mit dem Tod zu tun. Zum einen bin ich sterblich, weshalb wir irgendwann miteinander zu tun haben werden, zum anderen bin ich Trauerrednerin und biete Führungen zum Thema vergessene Bestattungsriten an.

 

 

 

Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

 

 

Friedhof und Tod sind Randthemen der Gesellschaft und der Wissenschaft und ich bin nicht nur fasziniert von diesem umfassenden Thema an sich, sondern schaue auch stets da hin, wo andere gern wegschauen. Ich frage mich, warum sie wegschauen und ergründe und hinterfrage diese Bereiche, um für mich einen Konsens zu finden und Ängste oder Vorbehalte abzubauen. Oft habe ich erkannt, dass diese Randthemen ganz eigene Reize und Schönheiten besitzen.

 

 

 

Was macht der Tod mit Ihrem Leben?

 

 

Er macht es endlich. Und diese Endlichkeit schafft ganz viel Bewusstsein und Ehrgeiz für das Umsetzen von eigenen Träumen, Wünschen und Bedürfnissen.

 

 

 

Was denken Sie über unser Verhältnis zum Tod?

 

 

Ich bemerke, dass die Menschen mit unterschiedlichen Gefühlen diesem Tod begegnen, aufgrund von Befindlichkeiten, Unzulänglichkeiten und Erfahrungen. Ich würde sagen, unser Verhältnis dazu ist durchaus ausbaufähig. Und ich habe festgestellt, dass die Menschen, die ihm im weiteren Sinne tagtäglich begegnen und mit ihm arbeiten, zu den normalsten gehören, die ich bisher getroffen habe!

 

 

 

Haben Sie einen Rat an die Menschen, wie sie dem Tod begegnen könnten?

 

 

Die banalste Antwort wäre: indem sie sterben :)

 

Die vernünftigste: indem sie ihn nicht mehr verleugnen

 

Die philosophische: indem sie ihn in seinen Auswirkungen hinterfragen

 

Die psychologische: indem sie anfangen, ihn zu akzeptieren und ihr Herz zu öffnen.

 

 

 


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Buchschau: Das letzte Gericht


Ein Kochbuch ist es - irgendwie.

Ein Geschichtsbuch - auch.

Aber vor allem ist es ein Buch mit Lebensgeschichten, die wir so nicht kennen.

 

Wir kennen die meisten Menschen, um die es im Buch geht - Kaiserin Sisi, John Lennon, Buddha oder Prince -, doch wir wissen selten etwas von ihren letzten Lebensstunden.

 

Über die Frage nach den letzten Mahlzeiten berühmter Menschen nähert sich Richard Fasten  diesen auf eine Weise, die aus den Prominenten und Stars ihrer und unserer Zeit wieder Menschen macht. In dem Buch "Das letzte Gericht" sehen wir hinter die Masken, hinter die Fassaden und müssen erkennen, dass Prominente auf der Bühne perfekt erscheinen, doch sobal der Vorhang sich schließt, nicht perfekt sind.

Wenn man liest, wie Marilyn Monroe allein in ihrem Zimmer stirbt, oder wie verzweifelt Maria Callas ihre letzten Jahre verbrachte, dann fühlt man mit ihnen. Mitleid mit den Großen, an denen sich die Welt sattgesehen hatte, kommt auf.

 

Der Autor Richard Fasten, geboren 1966 in Cham, schreibt in seinem Vorwort: "Der Tod ist ein verlässlicher Berichterstatter". Und über diese Berichte eröffnet er den Blick auf ein ungern besprochenes Thema. Dieses Buch liefert Gesprächsstoff für jeden Tisch. "Hey, lecker Kalbsfleisch. Wusstest du eigentlich ...?" So spricht man auch über den Tod.


Das letzte Gericht (Richard Fasten)

be.bra-Verlag

240 Seiten, paperback

18,- Euro



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