Buchschau: Das letzte Gericht


Ein Kochbuch ist es - irgendwie.

Ein Geschichtsbuch - auch.

Aber vor allem ist es ein Buch mit Lebensgeschichten, die wir so nicht kennen.

 

Wir kennen die meisten Menschen, um die es im Buch geht - Kaiserin Sisi, John Lennon, Buddha oder Prince -, doch wir wissen selten etwas von ihren letzten Lebensstunden.

 

Über die Frage nach den letzten Mahlzeiten berühmter Menschen nähert sich Richard Fasten  diesen auf eine Weise, die aus den Prominenten und Stars ihrer und unserer Zeit wieder Menschen macht. In dem Buch "Das letzte Gericht" sehen wir hinter die Masken, hinter die Fassaden und müssen erkennen, dass Prominente auf der Bühne perfekt erscheinen, doch sobal der Vorhang sich schließt, nicht perfekt sind.

Wenn man liest, wie Marilyn Monroe allein in ihrem Zimmer stirbt, oder wie verzweifelt Maria Callas ihre letzten Jahre verbrachte, dann fühlt man mit ihnen. Mitleid mit den Großen, an denen sich die Welt sattgesehen hatte, kommt auf.

 

Der Autor Richard Fasten, geboren 1966 in Cham, schreibt in seinem Vorwort: "Der Tod ist ein verlässlicher Berichterstatter". Und über diese Berichte eröffnet er den Blick auf ein ungern besprochenes Thema. Dieses Buch liefert Gesprächsstoff für jeden Tisch. "Hey, lecker Kalbsfleisch. Wusstest du eigentlich ...?" So spricht man auch über den Tod.


Das letzte Gericht (Richard Fasten)

be.bra-Verlag

240 Seiten, paperback

18,- Euro



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Montagsinterview: Jakobine Theis


Foto: Max Schlick
Foto: Max Schlick

Was haben Sie mit dem Tod zu tun?


Zunächst das, was alle Lebewesen damit zu tun haben: Ich bin sterblich. Beruflich habe ich thematisch nichts damit zu tun, ich bin im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und des Journalismus tätig. Ich beschäftige mich jedoch ernsthaft seit meinem Studium der Germanistik und Kunstgeschichte damit und mach(t)e ihn zu meinem Forschungsgegenstand. Der Tod ist für mich ein Quell der (kulturellen) Inspiration. Diese Inspiration kann ich zum Beispiel in Artikeln für die DRUNTER&DRÜBER kanalisieren.


Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?


Ich war seit meiner Kindheit fasziniert von Dingen, die „nicht normal“ sind, schräg oder gruselig – der Schritt zum Thema Tod war da nicht mehr weit. Abgesehen von Filmen oder Serien war auch die Musik ein großer Faktor. Wenn man sich für düstere Thematiken interessiert, findet man in gewissen Subkulturen vieles, was im Alltag oft ausgeblendet wird. Natürlich ist der „echte“ Tod etwas völlig anderes und kann mitunter auch Furcht einflößen. Daher nähere ich mich ihm durch eine Art „Kulturbrille“, lese von und spreche mit Menschen, die ihm auf verschiedene Weise begegnen und versuche wiederum anderen davon zu erzählen und inspiriere sie vielleicht, sich mit dem Thema zu befassen.


Was macht der Tod mit Ihrem Leben?


Er fordert von mir den nötigen Respekt, inspiriert mich und hilft mir vor allem, das Leben als ein  Geschenk zu betrachten.


Was denken Sie über unser Verhältnis zum Tod?


Ich komme nochmal auf die „Dinge, die nicht normal, schräg und gruselig“ sind zu sprechen – denn ich glaube, da liegt sozusagen der „Fehler“: Auch der Tod selbst gilt für viele noch immer als nicht normal, schräg und gruselig. Natürlich können Todesumstände durchaus gruselig sein und vor allem nicht schön. Den Tod zu verdrängen, kann man als natürliche Abwehrreaktion betrachten. Dennoch müssen wir ALLE da durch, egal wann, wie und wo – warum dem „Gegner“ dann nicht gleich vorbereitet begegnen?


Haben Sie einen Rat an die Menschen, wie sie dem Tod begegnen könnten?
Der Tod kommt immer irgendwie unerwartet, egal, wie sich Menschen vor seinem „Besuch“ mit ihm auseinandergesetzt haben. Dennoch mein Rat: Bitte versuchen Sie sich wenigstens einmal im Leben mit dem Tod zu beschäftigen, vielleicht wird sein Besuch dann nicht ganz so zu einer (unangenehmen) Überraschung.


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Montagsinterview: Der Tod

Der geheime Mensch unter der Kutte gibt seit Jahren dem Tod kein Gesicht, aber ein Stimme. Das aktuelle Programm und weitere Informationen sind auf der Webseite zur Death Comedy zu finden.


Foto: Anja Pankotsch
Foto: Anja Pankotsch

Was haben Sie mit dem Tod zu tun?


Schöne Einstiegsfrage für jemanden, der seit 9 Jahren mit Kutte und Sense rumläuft. Im Ernst: ich habe 2011 das Genre Death Comedy „ins Leben gerufen“ und stehe seitdem als Sensenmann auf fast allen deutschsprachigen Bühnen, um mit dem Publikum dem Tod entgegenzulachen. Da ich nur unter dem Pseudonym „Der Tod“ auftrete, hat der Schnitter also sozusagen auch meine Identität gekillt. Ein echter Profi eben.


Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?


Ich bin eigentlich gar nicht selbst  zu dem Thema gekommen, sondern der Tod hat mir in meinem Kopf einen Besuch abgestattet…mit einem Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Im Nachhinein bin ich froh, dass es nicht Mephisto oder Christian Lindner waren.  Aber ehrlich: wenn man sich in der Comedy- und Kabarett-Landschaft mal anschaut, wie viele Programme es über Beziehungsprobleme, Verspätungen bei der Bahn oder Samstags-Erfahrungen bei IKEA gibt, dann war es eigentlich höchst überfällig, dass sich auch mal endlich jemand konsequent dem Thema Tod widmet.


Was macht der Tod mit Ihrem Leben?
Er finanziert es. Das ist aber auch das Mindeste, wenn ich dafür fast das ganze Jahr auf Image-Kampagne für ihn gehen muss. Ich fühl mich manchmal schon wie die Jenseits-Tourismus-Behörde.


Was denken Sie über unser Verhältnis zum Tod?
Unser Beziehungsstatus ist sicherlich kompliziert. Gerade die westliche Welt ist durch die frühere kirchliche Erziehung so in Angst und Trauer gefangen, dass sie manchmal vergisst zu feiern, dass man überhaupt dabei sein durfte und gemeinsam Zeit verbringen konnte. Das ist in anderen Kulturkreisen völlig normal. Wie die andere Seite der Medaille. Ich spüre aber bei meinen Shows, dass es tatsächlich auch in diesen Breitengraden ein großes Bedürfnis gibt mit dem Thema anders umzugehen.  Wir arbeiten also dran. Aber es braucht Zeit, wie vieles.


Haben Sie einen Rat an die Menschen, wie sie dem Tod begegnen könnten?
Natürlich ist das individuell verschieden und Humor ist nicht für jeden der richtige Umgang mit dem Lebensende. Ich persönlich lache aber Dingen, die eh unausweichlich sind, immer lieber entgegen, statt ohne Aussicht auf Erfolg davonzulaufen.  Aber ich bin auch einfach kein guter Läufer…


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Buchschau: Meine Mutter, das Alter und ich


Katja Jungwirth ist Journalistin, Mutter und Großmutter. In ihrem Buch Meine Mutter, das Alter und ich ist sie aber vor allem Kind. Nicht das Kind, das man sich denkt, wenn man an Kinder denkt, sondern das Kind, das sich um die alte Mutter kümmern muss. Die Mutter, die irgendwie auch zum Kind wird, aber sich nicht so verhalten will. Die Rollen sind vertauscht und wollen sich nicht einfinden an ihrem neuen Platz.

 

Weder Kindmutter noch Mutterkind können reibungslos mit dem neuen Lebensabschnitt umgehen, in dem plötzlich wieder eine auf die andere angewiesen ist. Die Tochter ist hilflos, die Mutter hat Angst. Angst und Ansprüche, die ein ständiges schlechtes Gewissen evozieren.

 

 

Das Kind versucht, die Mutter aus ihrem Kindsein zu holen, indem es Zahnschmerzen vorspielt. Vielleicht rettet Mütter das Kümmern um ihre Kinder in den letzten Jahren. Wie oft sieht man sie im Sterbebett noch sich sorgend um die Kinder? Mütter sind doch so groß und stark, wie der Felsenbeißer in der Unendlichen Geschichte, der so große Hände hatte und doch nichts halten konnte. Ist Krankheit das Nichts, dass aus großen Händen Siebe macht, durch die die Tage einfach nur durchfallen?

 

 

Die Mutter sucht sich ein Grab aus, ein gut erreichbares und bekommt ein IPad, das ihr Übungen zeigt und Werbung, die sie hektisch wegdrücken will. Alltag mit Alten, um die man sich kümmert. „Aber […] die starke Mutter gibt es nicht mehr. Da liegt ein kleiner, hilfloser Mensch im Bett und man steht genauso hilflos davor“ schreibt die Autorin. Das Kind steht vor der Mutter und sieht sie wie ein Kind. „Ich möchte bleiben. Ich möchte aber auch flüchten.“

 

 

Neben ihren eigenen Schwierigkeiten mit der Situation beschreibt Katja Jungwirth auch die einer Gesellschaft, die lieber jung sein will und in der sich die Mutter hässlich findet. „Es geht um die Anerkennung des Alters, um die Schönheit im Alter, um die Würde und den Wunsch vieler alter Menschen, wahrgenommen, angeschaut, angelächelt zu werden. Und der Wunsch zu gefallen hat ja kein Ablaufdatum“.

 

 

Die Mutter soll ins Pflegeheim ziehen, wünscht sich betreutes Wohnen. Und die Tochter empfindet es als einen weiteren Schritt von ihr weg. Müssen pflegende Töchter besser loslassen lernen? Wie Eltern, die die Kinder frei lassen, lassen Kinder irgendwann die Eltern frei? Romantische Vorstellung, aber so einfach ist es wohl nicht. Der Gang in die Freiheit ist nicht vergleichbar mit dem Umzug ins Heim. Aber jeder muss ja auch sein eigenes Leben leben. „Vielleicht fehlt mir die Leichtigkeit. Vielleicht nehme ich die Betreuung meiner Mutter zu ernst“ sagt das Kind.

 

 

Das Buch Meine Mutter, das Alter und ich ist ein leises Buch. Man liest es nebenbei, während man die Kinder bekocht, während man den Haushalt macht, beim Einschlafen, während ein Kind im Arm leise schnarcht. Und bei jedem Umblättern denkt man sich: „Hoffentlich habe ich dazwischen ein paar Jahre für mich.“

 

(JU)

 


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Montagsinterview: Johanna Klug

Johanna Klug baut den Studiengang Perimortale Wissenschaften auf, ist selbst Sterbebegleiterin und bloggt auf endlichendlos.de


Foto: Sebastian Isacu
Foto: Sebastian Isacu

Was haben Sie mit dem Tod zu tun?

Momentan wohl eine ganze Menge. Das Thema Tod ist sowohl in meiner Arbeit als auch in meinem Ehrenamt permanent präsent. Als Sterbebegleiterin habe ich bereits einige Jahre Erfahrungen gesammelt: auf einer Palliativstation, aber auch in der ambulanten Begleitung von todkranken Kindern. Eigentlich komme ich aus den Medien und Journalismus, aber das war mir auf Dauer zu oberflächlich. Aus Leidenschaft ist Berufung geworden. Seit April 2019 bin ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin für den Studiengang „Perimortale Wissenschaften“ mitverantwortlich und promoviere über die Thematik der Kinder-Sterbehilfe in den BeneLux Ländern.

Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Das kann ich gar nicht genau sagen. Auf einmal war dieser Gedanke da, sterbende Menschen zu begleiten und ihnen ein Lächeln auf ihr zu Gesicht zaubern. Ganz einfach gesagt: schöne Momente mit ihnen zu erleben. Es hat mich auch nie geängstigt bzw. habe ich nie angezweifelt, ob ich die Begleitung und den Tod anderer Menschen verarbeiten könnte. Das war nie ein Thema. Ich wusste, ich kann das. Damals war ich 20 Jahre alt und daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Leidenschaft ist noch mehr gewachsen.

Was macht der Tod mit Ihrem Leben?

Seitdem ich angefangen habe, den Tod so bewusst in mein Leben zu lassen, bin ich davon bisher nur bereichert worden und das in jeglicher Hinsicht. Ich habe mich schon sehr früh mit meinem eigenen Tod auseinandergesetzt, wie sonst könnte ich Sterbende begleiten?

Die Begegnungen und Gespräche mit Sterbenden sind tiefgehend, intensiv und erfüllend. Mir erschien eine Zeit lang das Leben auf der Palli viel realer und näher am Leben, als die Realität selbst. Diese ständige Oberflächlichkeit war frustrierend, ich wollte den klaren direkten Kontakt im existenziellsten Moment des Lebens. Denn die wenigsten Menschen können wirklich zuhören, meinen aber es zu können. Genauso wie gemeinsam schweigen. Es sind oft die kleinen Dinge, die uns in der Hektik des Alltags abhandenkommen.
Der Tod ist irgendwie zu meiner „Lebensaufgabe“ geworden, so definiere ich das zumindest für mich.

Was denken Sie über unser Verhältnis zum Tod?

Es ist eine sehr ambivalente Beziehung, die wir mit dem Tod haben. Letztlich werden wir ja mit der Gewissheit geboren, irgendwann sterben zu müssen. Aber solange wir diese ganze Thematik von uns wegschieben, betrifft es uns nicht. In meiner täglichen Arbeit merke ich immer wieder, dass es einen hohen Bedarf gibt, sich darüber auszutauschen. Egal, ob das junge oder ältere Menschen sind. Aber meistens wird dem Tod kein Raum gegeben. Letztens war ich in einer Grundschulklasse und habe über meine Arbeit erzählt. Ich wurde regelrecht von den Kindern mit Geschichten und Fragen überflutet. Sie wollten so viel mit mir teilen: persönliche Erfahrungen mit dem Tod aber genauso kamen Fragen auf, warum Tiere eingeschläfert werden dürfen, aber eben keine Menschen?
Je älter wir werden, desto stärker werden wir auch von der Gesellschaft sozialisiert und konfrontieren uns selbst nicht mehr mit unserer Sterblichkeit. Der Dalai Lama sagte ja nicht umsonst: „Der Mensch lebt, als würde er niemals sterben, und stirbt dann, ohne jemals wirklich gelebt zu haben.“

Haben Sie einen Rat an die Menschen, wie sie dem Tod begegnen könnten?

Wenn ich mir manchmal das Leben anschaue, sei es jetzt mein eigenes, das von Freunden und Bekannten oder einfach nur Fremden… dann ist das schon verdammt hart. Wieso ängstigt uns der Tod dann so sehr, wenn das Leben manchmal so anstrengend ist? Wir laufen weg vor Dingen, die wir nicht verstehen und auf die wir keine passende Antwort finden. Das ängstigt uns. Doch wie in der Geburt so ist es auch im Tod: wir wissen nicht, was danach kommt.
Konfrontieren Sie sich mit Ihrer Angst und reden Sie darüber. Ich bin mir sicher, es gibt genug Menschen, die ähnlich fühlen und denken. Auf den Tod vorbereiten kann man sich nicht, aber wir können uns gegenseitig stützen und da sein.
Und vergessen Sie nicht den Humor bei der ganzen Sache. Eine Patientin sagte mal: „Heute esse ich Radieschen und morgen seh ich die von unten.“ Das trifft es eigentlich ganz gut.


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