Montagsinterview: Anja Heinz


Was haben Sie mit dem Tod zu tun?

Ich darf als Freie Rednerin Menschen begleiten auf ihrer Reise des Lebens – von der Wiege bis zur Bahre – von der weltlichen Taufe über eine Freie Trauung bis zur Abschiedszeremonie.
Mit viel Herz und vor allem der Liebe zum Menschen bin ich vor 4 Jahren Trauerrednerin geworden. Seitdem durfte ich über 300 Trauerfeiern begleiten.
Ich möchte berühren und den Angehörigen Kraft schenken und, gemeinsam mit ihnen, mit einer persönlichen und wertschätzenden Trauerfeier an den Verstorbenen erinnern und ihm mit einem würdigen und liebevollen Abschied „Lebewohl“ sagen — sodass es zu einem besonderen Moment für die Familie, Freunde und alle Trauergäste wird.
Gemeinsam gehen wir gedanklich noch einmal auf eine Reise in die Vergangenheit.
Wir rücken den Verstorbenen und seine Geschichte in das Zentrum der verschiedenen Erinnerungen. So viel Leben, Liebe und unendlich viele Bilder stecken in den Geschichten, die uns schmunzeln lassen und zum Weinen bringen.
Diese einzigartigen Augenblicke einfangen und einen liebevollen und erinnerungswürdigen Abschied zaubern — das ist mein Ansporn. 
Der Trauer und den Menschen Raum schenken, gefüllt mit Liebe und Wertschätzung,  und einen im Leben immer verbleibenden Abschied als einen wertvollen zu inszenieren—das ist unsere Aufgabe, als Trauerredner und Bestatter.
"Stille Beisetzungen trösten nicht." William Shakespeare. Recht hat er. Menschen brauchen Menschen und der Tod braucht Trost und Worte. Die Trauerfeier ist ein einmaliges, nicht wiederholbares Ereignis.

Trauerrednerin zu sein, ist nicht nur ein Beruf—es ist mehr. Für mich sind die Liebe und die Verbindung zu den Menschen mein täglicher Antrieb. Denn der Mensch allein ist wichtig. Er zählt in seiner Besonderheit.


Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?
2008 sollte ein Herzenswunsch von meinem Mann und mir in Erfüllung gehen. Ein Kind. Ich war schwanger mit einem kleinen weiblichen Zauberwesen. Mir ging es gut. Diese Zeit war ein Segen. Ihr großer Bruder wünschte sich den Namen Emily Elisabeth für sie.
Doch, wie ich bereits schrieb: SOLLTE. Ich habe in einer 30-stündigen stillen Geburt in der Universitätsklinik Leipzig ein kleines Mädchen zur Welt gebracht. Aber nicht in unsere Welt. Ich wollte sie nicht hergeben. Sie lag gefühlt noch Stunden in meinem Arm. Nur ein winziger Fußabdruck und ein Foto erinnern an diese Zeit. Mit all den Hoffnungen, Wünschen, Sehnsüchten und Schmerzen.
2 Jahre später durfte ihre Schwester das Licht der Welt erblicken. Ich bin so dankbar, 2 gesunde Kinder um mich herum zu haben. Ich denke sehr oft an Emily. 
2015 . Es war der 2. April 2015. Ich hatte ein seltsames Gefühl und spürte, dass etwas anders ist. Ich wusste nicht was. Kurz nach Mitternacht standen die Polizei, das THW und der Krankenwagen vor unserem Haus.
Mit den Worten im Ohr „Ihr Bruder ist letzte Nacht gestorben“, rutschte ich zusammen. Diese Worte werden nie im Herzen ankommen. Es folgten Tage und Nächte in Trance.
Ich werde NIE die Trauerfeier vergessen. Der wundervolle Leipziger Impressario Peter Degner sprach die „Letzten Worte“. Auch wenn mich an kein Wort der Trauerfeier erinnern kann, trage ich sie als etwas „Besonderes“ im Herzen. Familie, Freunde,  Bekannte, seine Kameraden der Bundeswehr – wir alle gingen den letzten Weg mit ihm. Ein Trompeter spielte am Grab. All die Bilder seines „letzten Festes“ sind in meinem Kopf gespeichert und manchmal spule ich den Film ab. Lächel und weine dabei. Es ist ein Lächeln der Dankbarkeit und der Wertschätzung meines Bruders gegenüber. Er war ein so besonderer Mensch. Und es sind Tränen der Traurigkeit. Es ist nicht nur die Traurigkeit darüber, dass er nicht mehr da ist. Sondern auch, dass wir nie wieder zusammen lachen, feiern und diskutieren können, dass er seinen Neffen und seine Nichte nicht aufwachsen sieht. Es ist das Vermissen. Man wünscht sich, dass es wie früher ist. Doch das, was einmal war, ist nicht mehr.

Ein Jahr nach der Trauerfeier habe ich für mich beschlossen, in die Welt zu ziehen und den Menschen besondere Trauerfeiern zu bescheren. Ich bin einfach losgezogen. Ohne zu fragen und zu wissen, wie man das wirklich macht. Vom ersten Trauergespräch an wusste ich, das ist mein Leben. Das ist meine Berufung.
Ich fühle mit den Angehörigen, spüre ihren Schmerz und weine oft mit ihnen. Aber wir lachen auch. Manchmal sogar sehr. Sie entschuldigen sich dann, weil sie denken, sie dürften jetzt nicht lachen. Doch, das dürfen sie. Denn es sind ja die schönen Erinnerungen an den geliebten, verstorbenen Menschen, die sie zum Lachen bringen.

Was macht der Tod mit Ihrem Leben?
Ganz viel. Er hat mich zu einem anderen Menschen werden lassen. Durch meine Arbeit wird mir immer wieder bewusst, dass das Leben morgen vorbei sein kann.
Der Tod erdet mich.
Ich hinterfrage mich mehr- was ich fühle, denke und empfinde und warum.
Ich verstehe andere Menschen mehr und fühle mit ihnen.
Ich lebe und fühle intensiver.
Ich genieße das Leben mehr.
Ich habe gelernt, mich zu lieben.
Ich habe gelernt, dass nichts selbstverständlich im Leben ist. Nicht einmal das Leben selbst. Dieses am wenigsten.
Ich habe versucht, nicht zu hadern oder negativ zu denken. Wir können die Situationen oft nicht ändern. Wir können Verstorbene nicht wieder zurückholen. Wir MÜSSEN das akzeptieren. Wir MÜSSEN damit leben. Wir MÜSSEN unser Leben damit arrangieren. Wir DÜRFEN nicht über der Frage „Warum?“ verzweifeln. Denn wir werden keine Antwort bekommen.
Meine wundervolle Studien-Mentorin gab mir einmal den Rat: „Anni, in jeder negativen Sch… steckt etwas Positives. Vertraue darauf.“ Es heißt nicht, dass es positiv ist. Es heißt nur, dass man den Blick nicht senken darf. Die Toten wöllten nicht, dass unser Leben nun auch vorbei ist. Sie wöllten, dass wir weiterleben, lachen, scherzen und die Sonne im Herzen scheinen lassen. Sie wöllten, dass wir die frohen Augenblicke mit ihnen nicht vergessen und vor allem, dass wir sie nicht vergessen.
Ich verwende gern folgende Worte: „Vielleicht besteht ein Großteil des Lebens einfach nur darin, das Leben zu leben, so wie es ist, sich in Freude zu freuen, in Trauer zu trauern und Kummer zu tragen, doch in all dem den Funken zu wahren, der einem im Inneren am Leben erhält.
Nie den Respekt vor dem Leben zu verlieren und das Schicksal anzunehmen, wie es kommt.“ Leider weiß ich nicht, wer diese wahren Worte schrieb. Es sei mir verziehen, wenn ich ihn hier zitiere.

Was denken Sie über unser Verhältnis zum Tod?
Er ist mein Lehrer geworden, mein Berater. Er hat mich das Leben mit all seinen Facetten mit anderen Augen sehen lassen.

Haben Sie einen Rat an die Menschen, wie sie mit dem Tod umgehen können?
Fürchtet ihn nicht. Fürchtet, nicht gelebt zu haben.
Meine Vision ist, dass ich an meinem 80. Geburtstag am Meer sitze. Mit einem Herzensmensch an meiner Seite und einer Flasche gut gekühlten Prossecco. Und dann möchte ich, wie in der alten „Fielmann“-Werbung, fragen: Wie war dein Leben? Was würdest du anders machen? Ich möchte antworten können: „Baby, du hattest ein verdammt geiles Leben. Es war nicht immer einfach. Du hast gekämpft und weiß Gott, ich musste viel und hart kämpfen. Doch ich habe nie mein Lachen verloren.“


Im April hatte ich Geburtstag. Es war, gerade in verrückten Corona-Zeiten wie diesen, ein anderer. Und doch wünschten mir ganz viele wunderbare Herzensmenschen, dass ich nie meinen unerschütterlichen Optimismus aufgeben soll, weil ich andere Menschen damit anstecke und erheitere, ihnen Mut mache und sie mich als Vorbild sehen, weil Aufgeben für mich NIE eine Option war und ist. Es wird gekämpft und gewonnen! Basta!
Diesen Wunsch habe ich auch für Trauernde und Menschen, die einen geliebten Menschen verloren haben:
Ich wünsche ihnen, dass sie sich neu entdecken, nicht hart werden, nicht aufgeben und wieder das Schöne am Leben sehen. Dass sie sich Zeit nehmen, solange sie brauchen.
Sie müssen die Trauer zulassen, weinen und vielleicht auch schreien, weil es sich anfühlt, als ob das Herz herausspringen möchte. Weil sie das Gefühl haben, es geht nicht weiter. Weil sie keine Kraft haben. Weil sie das Lachen verloren haben. Weil sie sich allein fühlen. Weil sie keine Luft bekommen. Weil es sich anfühlt, als ob die Kehle zugeschnürt ist. Weil sie müde sind von den langen Nächten, wo sie mit Tränen gefüllten Augen gen Himmel schauen. Weil sie wach liegen mit Träumen, die sich nicht erfüllen werden. Weil man sich sehnt nach dem Ort, wo alles wieder so wie früher ist.
Der Ort liegt in ihnen.
Ich wünsche ihnen, dass sie MIT dem Tod leben. Dass sie wieder frei sind. Dass sie voller Frieden werden. Mit sich und dem Leben.
Das wünsche ich ihnen und das möchte ich als Ratschlag mitgeben.

Jetzt DRUNTER&DRÜBER - Abo holen. Schon ab 20,- Euro im Jahr.


Montagsinterview: Anja Bandi


Foto: Dominik Plüss
Foto: Dominik Plüss

Was haben Sie mit dem Tod zu tun?


Als Leiterin Friedhöfe Basel bin ich für das Bestattungswesen im Kanton Basel-Stadt zuständig und somit unter anderem auch für den grössten Friedhof der Schweiz verantwortlich.

 

Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

 

Diese Stelle war ausgeschrieben. Als ich das Inserat gelesen habe, hat es mich aufgrund des Anforderungsprofils sofort angesprochen, aber ich konnte mir in Bezug auf die Arbeiten nur bedingt etwas drunter vorstellen. Darum habe ich zuerst einmal eine Nacht darüber geschlafen und mich danach mit meinem Partner über diese Stelle unterhalten. Heute kann ich versichern, dass es eine unglaublich interessante und vielseitige Aufgabe ist, die ich wirklich mit Herzblut ausführe.


Was macht der Tod mit Ihrem Leben?


So komisch es klingt, aber der bewusste Umgang mit dem Tod hat mich dem Leben viel näher gebracht. Ich lebe viel bewusster, nehme viele Dinge nicht mehr als selbstverständlich und genieße das Leben noch mehr als früher. Zudem habe ich die Scheu und die Angst vor dem Tod an sich verloren. Auch spreche ich viel öfters im Bekanntenkreis über den Tod und bin zwischenzeitlich überzeugt, dass unsere Gesellschaft das unbedingt mehr machen sollte. Denn wenn uns eines absolut vereint, ohne Wenn und Aber, dann ist es der Tod. Also wieso nicht darüber sprechen?


Was denken Sie über unser Verhältnis zum Tod?


Wenn damit unsere Gesellschaft gemeint ist, dann bin ich überzeugt, dass wir ihn zu sehr ausgrenzen. Die meisten Menschen möchten nicht darüber sprechen weil sie Angst davor haben. Das ist schade und auch realitätsfremd. Der Tod gehört zum Leben, ob wir wollen oder nicht. Wenn wir beginnen, darüber zu sprechen, schwindet die Angst. Das alleine sollte schon ein Grund sein, das Thema in unseren Alltag einzuschliessen. Es hilft auch, dass wir dann nicht zu sehr überrascht werden, wenn wir in Kontakt mit dem Tod kommen, z.B. weil unsere Grosseltern oder Eltern sterben. Wir wissen dann, was das bedeutet und vielleicht auch, was zu tun ist. Zudem wird auch die Trauerverarbeitung einfacher, wenn wir bereits im Vorfeld über den Tod gesprochen haben.


Haben Sie einen Rat an die Menschen, wie sie dem Tod begegnen könnten?


So früh wie möglich über den Tod sprechen, auch bereits mit kleinen Kindern. So wird er nicht aus dem Leben ausgeschlossen und wir geben ihm so die Chance, dass er zu etwas normalem wird – was er ja auch ist.

Neue Ausgabe Mitte Mai

Um Leben und Tod – Triage in Zeiten von Corona

Ein Beitrag des Verfassungsrechtlers Prof. Dr. Dr. Tade Spranger


Die aktuelle Corona-Krise stellt nicht nur das gesellschaftliche Leben und das gesamtgesellschaftliche Miteinander auf den Kopf, sie bringt auch zahllose rechtliche Herausforderungen mit sich, deren Aufarbeitung wohl noch Jahre in Anspruch nehmen wird. Wer einen Blick ins Grundgesetz wagt, wird feststellen, dass nahezu keines der im ersten Abschnitt des Grundgesetzes genannten Menschenrechte unbeschädigt durch die Krise kommt. Die Notstandsgesetze, die 1968 zu bundesweiten Protesten geführt haben, waren auf den Punkt gebracht ein Klacks im Vergleich zu dem, was nunmehr innerhalb weniger Tage zumeist auf dem Verordnungswege durchgesetzt worden ist.

Umso irritierender mutet es an, wenn der aktuell zu „kreativer Gesetzgebung“ durchaus bereite Staat in anderen krisenbedingten Notfallsituation beharrlich schweigt. Zu diesen Bereichen, in denen es gesetzgeberisch merkwürdig still ist, gehört zweifellos die sogenannte Triage.

 

Der Begriff der Triage leitet sich vom französischen Wort „trier“ ab, das „aussuchen“ oder „auslesen“ bedeutet und die Situation bezeichnet, dass bei unerwartet hohem Aufkommen an Patienten und objektiv unzureichenden Ressourcen medizinische Leistungen priorisiert werden müssen. Mit Blick auf die Corona-Krise wurde und wird hier vor allem die Frage erörtert, anhand welcher Kriterien intensivmedizinische Ressourcen zugeteilt werden sollen. Es würde zu weit führen, vorliegend alle denkbaren Triage-Konstellationen vorzustellen. Zur Verdeutlichung der Bandbreite der drohenden Probleme genügt der Hinweis auf die Fälle der sogenannten Triage bei Ex-ante-Konkurrenz einerseits und Triage bei Ex-post-Konkurrenz andererseits: Während es im erstgenannten Fall darum geht, vorab eine zu große Zahl an Patienten auf quantitativ unzureichende Beatmungsplätze zu verteilen, steht in der zweiten Konstellation die Entscheidung an, die bereits stattfindende lebenserhaltende Behandlung eines Patienten zu beenden, um mit dem dafür erforderlichen medizinischen Gerät das Leben eines anderen Patienten (mit besserer Prognose) zu retten.

Diese Entscheidung über Leben und Tod delegiert der Staat aktuell auf die medizinischen Fachgesellschaften: Unter Federführung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv-und Notfallmedizin (DIVI) und unter Mitwirkung von sechs weiteren Fachgesellschaften und Einrichtungen wurde am 25.03.2020 ein Papier mit dem Titel Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der Intensivmedizin im Kontext der COVID-19-Pandemie - Klinisch-ethische Empfehlungen veröffentlicht, das zwar laufend überarbeitet werden soll, aber gleichwohl derzeit den medizinischen status quo darstellt.

Es kann kaum bestritten werden, dass sich die zuständigen Ärzte in den befürchteten Szenarien kaum zu ermessenden Konflikten ausgesetzt sehen, die zu medizinischen, ethischen, seelischen, aber auch rechtlichen Problemen führen. Vor diesem Hintergrund ist zunächst einmal jede Handreichung hilfreich, die wohlüberlegte, begründete, transparente und einheitliche Entscheidungskriterien bietet. Gleichwohl besteht bei jeder Handlungsempfehlung eben auch das Risiko einer zu schematischen und unreflektierten Befolgung. Gerade in katastrophenartigen Krisen- und Drucksituationen besteht die Gefahr, dass die entsprechenden Handreichungen ohne Ansehung des Einzelfalls „abgearbeitet“ werden. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund haben verschiedene Patientenrechte- und Behindertenorganisationen die DIVI-Empfehlungen teils deutlich kritisiert, weil viele Menschen mit Behinderung aufgrund der dort aufgestellten Kriterien eine „schlechte Erfolgsaussicht“ aufweisen – was sodann bei der Entscheidung über die Aufnahme auf die Intensivstation negativ gewichtet werden würde.

Kritikwürdig ist in diesem Zusammenhang aber vor allem, dass sich staatlicherseits keine wie auch immer geartete Vorgabe findet. Kaum nachvollziehbar ist dieses Schweigen vor allem angesichts des sogenannten Wesentlichkeitsgrundsatzes: In ständiger Rechtsprechung führt das Bundesverfassungsgericht seit Jahrzehnten aus, dass der parlamentarische Gesetzgeber verpflichtet ist, „wesentliche, für die Grundrechtsverwirklichung maßgebliche Regelungen selbst zu treffen und nicht anderen Normgebern oder der Exekutive zu überlassen“ (siehe etwa BVerfGE 147, 253 ff.). Was insoweit „wesentlich“ ist und was nicht, entscheidet sich vor allem im Lichte der Grundrechte. Hier zeigt sich, dass das über Art. 2 Abs. 2 GG geschützte Recht auf Leben neben der in Art. 1 Abs. 1 GG genannten Menschenwürde zu den „Kardinalgrundrechten“ des Grundgesetzes zählt. Beide Berechtigungen eint, dass sich hier der Staat nicht nur etwaiger Eingriffe zu enthalten, sondern sich vielmehr aktiv schützend vor diese Grundrechte zu stellen hat.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Staat dieser Pflicht aktuell nicht einmal ansatzweise nachkommt und sich schlicht und ergreifend hinter medizinischen Fachgesellschaften versteckt. Diese Feigheit ist rechtsstaatlich nicht hinnehmbar. Der Deutsche Ethikrat weist in seiner Ad-hoc-Empfehlung Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise vom 27. März 2020 daher zu Recht auf die Dimension der negativen Effekte einer solchen staatlichen Untätigkeit hin: „Der Staat darf menschliches Leben nicht bewerten, und deshalb auch nicht vorschreiben, welches Leben in einer Konfliktsituation vorrangig zu retten ist. Selbst in Ausnahmezeiten eines flächendeckenden und katastrophalen Notstands hat er nicht nur die Pflicht, möglichst viele Menschenleben zu retten, sondern auch und vor allem die Grundlagen der Rechtsordnung zu garantieren. (…) Auch in Katastrophenzeiten hat der Staat die Fundamente der Rechtsordnung zu sichern.  Weniger noch als selbst zahlreiche tragische Entscheidungen in Lebens- und Sterbensnotfällen könnten Staat und Gesellschaft eine Erosion dieser Fundamente ertragen.“ (S. 4 der Ad-hoc-Stellungnahme).

In der Tat wäre es weder praktikabel noch verfassungskonform, wenn staatlicherseits konkrete Entscheidungen zugunsten oder zu Lasten einzelner Patienten vorgenommen werden würden. Geboten und verfassungsrechtlich gefordert ist es jedoch, dass der Staat selbst Entscheidungskriterien entwickelt und bereitstellt, die den betroffenen Patienten und den handelnden Ärzten gleichermaßen ein größtmögliches Maß an Rechtssicherheit und Grundrechtsschutz vermitteln.

Tade Spranger ist Jurist. Er ist außerplanmäßiger Professor an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Rechtsanwalt und Leiter eines Zentrums zur Regulierung der modernen Lebenswissenschaften.


Montagsinterview: Dr. Dirk Pörschmann

Dr. Pörschmann ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal und Leiter des Museums für Sepulkralkultur in Kassel.


Foto: Anja Köhne
Foto: Anja Köhne

Was haben Sie mit dem Tod zu tun?


Wie jeder Mensch werde ich sterben, wie jeder Mensch möchte ich leben. Seit Januar 2018 darf ich als Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. das einzigartige Museum für Sepulkralkultur in Kassel leiten.


Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?


Als ich die Ausschreibung der Stelle sah, ahnte ich, dass dieser Ort für meine berufliche wie auch persönliche Entwicklung große Potenziale bietet. Bisher wurden meine Erwartungen nicht enttäuscht. In unserem Museum stirbt natürlich niemand, doch wir zeigen anhand von Exponaten der Dauerausstellung, regelmäßigen Sonderausstellungen und vielen Veranstaltungsformaten (vom Kindergeburtstag über Lesungen, Konzerten oder wissenschaftliche Tagungen) die umfassende und alte Kultur rund um die menschliche Endlichkeit.


Was macht der Tod mit Ihrem Leben?


Das Bewusstsein über unsere Endlichkeit hat die Sepulkralkultur und auch die Religionen geschaffen. „Wohin gehen die Toten?“ haben sich schon unsere ältesten Ahnen gefragt. „Wie können wir auch nach dem Tod geliebter Menschen unsere Fürsorge für sie zeigen?“ Unser Todesbewusstsein bietet uns die großartige Möglichkeit, das Leben zu verstehen und es lebendig zu leben und nicht nur zu erleben. Das ist die tägliche Übung, der ich mich stelle: Im Bewusstsein des Todes leben. Heute Sinnvolles für meine Lieben, die Gesellschaft und damit mich tun, gerade weil morgen schon alles vorbei sein kann. Der Tod macht das Leben zum Wertvollsten, was Menschen besitzen – doch eben nur für eine kostbare Zeit.


Was denken Sie über unser Verhältnis zum Tod?


Im Alltag wird der Tod meist verleugnet, denn er scheint unseren Drang zu stören, uns unverwundbar, uns sogar „unendlich“ denken und spüren zu wollen. Die Versuchungen der Marktwirtschaft mit ihren kapitalistischen Ausuferungen sind allgegenwärtig. Das Altern, Krankheiten oder Unfälle sind Hinweise auf unser Ende. Es sind Zeichen, die uns verstehen helfen, dass wir verletzlich und endlich sind, und dass uns kein neues Smartphone, Auto, Haus und auch keine Kreuzfahrt davor bewahren können. Verlusterfahrungen mahnen uns, jeden Tag neu anzunehmen und zu gestalten. Die Corona-Pandemie macht uns dies überdeutlich. Ganze Gesellschaften erkennen wie sonst nur in Kriegen oder bei Naturkatastrophen, dass Menschen einander brauchen, weil sie verletzlich sind. Das Verhältnis zum Tod ist ein durch und durch ambivalentes: Ich will nicht sterben, doch zugleich weiß ich, dass meine Endlichkeit, also das Bewusstsein über mein Sterben und meinen Tod das Glück des Momentes erzeugen können: Jetzt fühle ich mich im Schreiben lebendig. Jetzt spüre ich das Glück, das dieser Frühlingstag schenkt. Jetzt bin ich ganz im Moment. Das Lebensglück gibt es nur im Jetzt, und ohne das Jenseits gibt es kein Hier.


Haben Sie einen Rat an die Menschen, wie sie dem Tod begegnen könnten?


Nein, ich möchte nicht als Ratgeber für solch einen individuellen Prozess agieren. Jeder Mensch wird seinen eigenen Weg finden müssen, dem Tod zu begegnen. Dies ist Teil unserer Biographie und unseres Seins. Wir können uns ein Leben lang darauf vorbereiten, und dennoch wissen wir nicht, was uns erwartet. Ich erlaube mir, den Philosophen Rainer Marten (geb. 1928) zu zitieren, der 2019 die folgenden Sätze in einem Essay zur Kunst des Bildhauers Stephan Balkenhol schrieb:
„Unser Leben ist nicht nur endlich, es braucht die Endlichkeit. Sie gehört auf belebendste Weise zum schöpferisch-fruchtbaren Ausleben des Lebens. Wie der Tod zum Leben gehört, so auch zum Fest des Lebens: als das Fest seiner Vollendung. Versteht sich der Tod so, dann zielen die Vanitasbilder ins Leere: Kein Tod macht ein gelebtes Leben zu einem vergeblich gelebten.“

Kontakt

FUNUS Stiftung

Redaktion DRUNTER & DRÜBER

Am Flamarium 1

06184 Kabelsketal OT Osmünde

 

Mail: dud-magazin@funus-stiftung.de


VERTRIEB UND LESERSERVICE:

Shop: https://shop.taspo.de/specials/drunter-druber

Haymarket Media GmbH, Frankfurter Str. 3D, 38122 Braunschweig

EMail: leserservice@haymarket.de