phantom fan || Michael Klipphahn

Nein, man jagt keinem Phantom hinterher, wenn man die Ausstellung »Phantom Fan« betritt – so fällt das Augenmerk auf »Nancy«, eine neongelbe auf einem Sockel präsentierte Bomberjacke, in all ihrer Lautheit vermeintliches Herzstück der Ausstellung. Im medizinischen Sinn bedeutet Phantom auch nachgebildeter Körper, bzw. Körperteil. Doch Ausgangs-, Dreh- und Angelpunkt der Präsentation ist die eher unscheinbare Computergrafik einer Skulptur aus dem 19. Jahrhundert – »Ugolino und seine Söhne« von Jean-Baptiste Carpeaux. Michael Klipphahn ist durch die Lektüre von Dantes Göttlicher Komödie auf die Figur des Grafen Ugolino gestoßen, der aufgrund seiner Papsttreue im 13. Jahrhundert mit seinen Kindern und Enkeln in einen Turm gesperrt wurde und der Legende nach seine Nachkommen aufgegessen hat, um zu überleben. Mit dieser Geschichte im Kopf könnte man die überall im Ausstellungsraum platzierten, durch Farblacke versteiften Jacken als Verweise auf die toten Kinder lesen. Doch Klipphahn wäre nicht Klipphahn, wenn er derart einfache Interpretationen vorgäbe.
Der Künstler spielt provokativ mit den Erwartungen der Betrachter. Auch Jean-Baptiste Carpeaux, französischer Bildhauer im 19. Jahrhundert und Schöpfer der Ugolino-Skulptur, deren Bronzeguss derzeit im Petit Musee in Paris steht, provozierte mit ebendieser Figurengruppe. Carpeaux erhielt Mitte des 19. Jahrhunderts ein Stipendium an der Villa Medici, mit der Vorgabe, einen Entwurf nach einem biblischen Thema für eine freistehende Figur zu schaffen.

Der Bildhauer hingegen kam mit einem Gipsmodell, einer Interpretation von Dantes 33. Höllengesang in Form einer Skulptur aus fünf Figuren, zurück. Das wertete die französische Akademie als Affront und verweigerte dem Künstler zunächst den staatlichen Auftrag für einen Bronzeabguss. Bei seinen Recherchen fand Michael Klipphahn das Gipsmodell im Metropolitan Museum of Art in New York. Das Met hatte, wie heute in großen Museen üblich, einen 3D-Scan des Ugolino als Sicherung erstellt und schickte diesen auf Anfrage an Klipphahn.

Der Künstler ließ diesen Scan so bearbeiten, dass die Skulptur wie in Marmor gehauen aussieht. Das gefakte Marmormotiv zieht sich durch die Ausstellung, die gerenderten Computergrafiken zeigen Details eines marmornen Ugolino, den es so nicht gibt, die versteiften Jacken sind auf »Marmorsockeln«, deren Oberflächen auf den zweiten Blick als Baumarkt-Kunststoffe enttarnt werden, drapiert. Einigen der mit Vornamen betitelten Jacken wurden noch leere Champagnerflaschen beigestellt, so dass die Ausstellungschoreografie scheinbar auf eine wild ausgeartete Party am Vorabend verweist, deren Protagonisten sich ähnlich wie die Kinder am Ugolino aneinander klammern und nicht voneinander lösen konnten. Eine Besucherin übersetzte am Eröffnungsabend das Wort veuve auf dem Flaschenetikett mit Witwe, interpretierte die Sockel als Grabsteine und die Jacken als Geister. So oder so, Michael Klipphahns Ausstellung liest sich in ihren Zusammenhängen spannend wie ein Krimi.

Text: Patrick Daniel Baer


Michael Klipphahn *1987
Studierte von 2006-2012 Bildende Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Dresden.
Lebt und arbeitet in Berlin und Dresden.

Kontakt

FUNUS Stiftung

Redaktion DRUNTER & DRÜBER

Reilstraße 120

06114 Halle (Saale)

 

Mail: dud-magazin@funus-stiftung.de


VERTRIEB UND LESERSERVICE:

Shop: https://shop.taspo.de/specials/drunter-druber

Haymarket Media GmbH, Frankfurter Str. 3D, 38122 Braunschweig

EMail: leserservice@haymarket.de