Zweimal im Jahr erscheint die drunter&drüber, doch viele Male mehr im Jahr entstehen Gedanken und Ideen zu Tod und Trauer, die hier von unserer Redakteurin Juliane Uhl beschrieben werden.

Stadt der Sterblichen

Neben der Produktion des neuen Heftes arbeiten wir im Moment fast ausschließlich für unser Projekt Stadt der Sterblichen.

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Was soll eigentlich die Online-Trauerei?

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Stadt der Sterblichen

Neben der Produktion des neuen Heftes arbeiten wir im Moment fast ausschließlich für unser Projekt Stadt der Sterblichen.

Wenn alles offen ist ...

Neulich habe ich von einem Todesfall erfahren, der mir sehr nahe geht. Den Verstorbenen kannte ich nicht, doch mit seiner Mutter verbindet mich etwas. Als ich von dem Unglück hörte, reagierte mein Körper mit erhöhtem Herzschlag und leichter Übelkeit, seitdem bin ich unruhig, denn ich möchte irgendetwas tun. Das Mittel, welches mir zu Verfügung steht, ist eine Beileidskarte, doch es widerstrebt mir, eine solche zu kaufen und Phrasen abzuschicken.

 

 

Wikipedia definiert die Kondolenz als alle Formen der Beileidsbekundung. Das Wort kommt vom lateinischen condolere, was Mitgefühl bei anderer Leid haben, Mitleid haben bedeutet.  Diese Definition trifft das, was in mir vorgeht: Ich fühle mit und das möchte ich mitteilen. Warum eigentlich? Um wessen Bedürfnis geht es hier?

 

 

Ich habe keine Vorstellung davon, wie sich eine Mutter fühlt, die ihren Sohn verloren hat. Es ist mir noch nicht passiert. Allein die Ahnung dieses Schmerzes geht über das hinaus, was ich mir ausmalen möchte. Demzufolge weiß ich auch nicht, was ihr helfen könnte, was ich geben oder schreiben kann. Vielleicht gibt es auch einfach nichts, was im Moment Trost spendet. Dazu ist alles noch so frisch. Welche Worte soll ich also wählen? Ist es vielleicht doch einfacher, eine schlichte Karte mit einem weisen Satz zu kaufen und lediglich die Floskel und meine Unterschrift hineinzusetzen?

 

 

„Die Kondolenz wird dem Menschen, der von einem Todesfall betroffen ist, in einer fest stehenden Redewendung persönlich zugesprochen“ steht bei Wikipedia. Ich kann mich erinnern, wie schwer es war, diese fest stehenden Redewendungen bei der Bestattung meiner Schwiegermutter zu ertragen. Dreißigmal „Herzliches Beileid“ zu hören und immer nur dazu nicken zu können – das war ein Kraftakt. Die vielen Beileidskarten haben wir am Ende nur noch gezählt, denn die Inhalte unterschieden sich kaum. Können wir einander nur in Floskeln beistehen?

 

 

Nein, das liegt mir nicht. Ich möchte etwas Persönliches schreiben, mir Zeit für diese Zeilen nehmen. Also schreibe ich auf ein weißes Blatt Papier mit schwarzer Tinte, ohne Floskeln, was in meinem Kopf ist. Um ihr mitzuteilen, dass meine Familie und ich an sie denken, dass wir da sind, wenn sie uns braucht. Mehr gibt es nicht zu sagen.

 

Während ich schreibe, denke ich darüber nach, was eigentlich „erlaubt“ ist. Darf ich als ferne Bekannte einen solchen Brief schreiben? Was sagen die Angehörigen dazu, wer darf eigentlich wie trauern und gibt es eine Reihenfolge dabei? Der Verlust von Trauerkonventionen befreit uns zwar von dem Floskelhaften, stellt uns aber auch vor die Wahl aller Möglichkeiten. Es ist durchaus möglich, dass solche persönlichen Bekundungen polarisieren. Bei der Beerdigung meines Großvaters habe ich an das Trauergesteck eine gelbe Schleife binden lassen, auf der stand mit einem Lächeln. Denn so wollte ich ihn verabschieden, mit einem Lächeln, das ihm entgegen strahlt. Allein diese kleine Geste war schon ein Punkt, um Anstoß zu nehmen. Wir spüren, dass die alten Regeln der Trauer nicht mehr zeitgemäß sind, bzw. keinen tieferen Sinn mehr ergeben, können aber noch nicht mit individuellen und persönlichen Lösungen umgehen. Das ist ein Dilemma.

 

Doch ich will mir nicht zu viele Gedanken um das machen, was man darf und was nicht. Ich binde meine Familie ein und wir überbringen den Trauernden etwas von Herzen. Zu dem Beileidsbrief lege ich einen bemalten Stein von meiner Tochter, etwas zum Berühren, in einer Zeit, in der die Welt nicht zu begreifen ist. Und eine Tafel Schokolade – das war mein erster Impuls, als ich kondolieren gehen wollte. Wäre ich in Trauer, dann würde ich in den schwersten Stunden Schokolade essen. Denn was kann man sonst der Verbitterung entgegen setzen?   

 

Juliane Uhl

 

 

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Was soll eigentlich die Online-Trauerei?

Selbst Tageszeitungen bieten inzwischen online Trauerportale und die Menschen nehmen diesen Angebot an. Warum ist das so? Was bewegt sie und was bringt das Trauern im Netz? - Ein Einstieg von Juliane Uhl

Auch wenn ich im Netz fast schon zu Hause bin, schätze ich das Offline-Dasein sehr. Desto mehr verwunderte mich immer, dass Menschen online um Verstorbene trauern. Die Trauer ist doch so ein intimes und auch sehr privates Gefühl; was bringt die Leute dazu, das öffentlich auszuleben?

 

Ohne weiteren Input kann ich mir diese Frage nicht beantworten, also nehme ich mir einen Artikel von Dr. Katrin Döveling zu Hand. Sie ist Vertretungsprofessorin im Bereich empirische Kommunikations- und Medienforschung und beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit dem „Phänomen“ der Onlinetrauer. Im Herbst 2014 veröffentlichte sie unter dem Titel Emotion regulation in bereavement: Searching for and finding emotional support in social network sites einen Text im New Review of Hypermedia and New Media.

 

Eigentlich ist die Frage selbst ja doch schon ein bisschen naiv, denn natürlich erstreckt sich die Trauer auch in den Cyberspace, wenn Menschen immer öfter diesen Raum als Teil ihrer Lebenswelt betrachten: Wer seine Gedanken und Gefühle online teilt, der wird sicher auch seine Trauer online thematisieren.

Es gibt dafür Trauerportale, auf denen man eine Trauerseite für den Verstorbenen einrichten kann, auf der dann auch kondoliert und sich ausgetauscht wird. Aber solche Kommunikation findet auch direkt in den sozialen Netzwerken, z.B. im Facebook-Profil des Toten statt. Das Netz wird immer bedeutsamer für die Kreation unserer eigenen Identität, und das digitale Weiterleben in Form einer Gedenkseite macht uns ein wenig unsterblich. Hinzu kommt, dass die Auslebung von Trauer im Internet sehr flexibel gestaltet werden kann: Man kann posten, wann mal will, und ist nicht abhängig von festen Zeiten. Die Anonymität des Netzes und das Gefühl, mit Gleichgesinnten zu sprechen, erzeugen eine große Offenheit bei der Gefühlsäußerung.

 

Dr. Katrin Döveling hat in drei Trauerportalen 2127 Einträge von 318 Usern untersucht, um herauszufinden, warum Menschen online trauern und was diese Form der Trauer bewirkt. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Trauer immer auch eine soziale Dimension hat, denn die Gesellschaft setzt einen Rahmen dafür, wie Trauer gelebt werden kann und sollte. Während früher für mindestens ein Jahr getrauert wurde, ist der „zugelassene“ Zeitraum heute wesentlich kürzer. Im DSM V, dem Diagnosebuch für psychische Störungen der amerikanischen psychiatrischen Vereinigung, wird die Trauer zwar als normal angesehen, kann aber nach zwei Wochen schon zur Depression erklärt werden. Dr. Dirk Lanzerath hatte in der drunter&drüber | Part II ein wunderbaren Artikel über die Trauer geschrieben, den es sich unbedingt zu lesen lohnt.

 

Doch kommen wir zurück zur Trauer in online-Portalen. Döveling fand heraus, dass Männer, Frauen und Jugendliche online über ihre Trauer sprachen, weil sie sich offline nicht verstanden fühlten, bzw. keine Unterstützung in ihrer Trauer mehr erhielten. Döveling spricht hier von entrechteten (disenfranchised) Emotionen, die nicht mehr anerkannt werden. „Jetzt ist aber mal gut mit der Trauer.“, „Bist du denn immer noch nicht darüber weg?“  oder „Du musst jetzt mal nach vorn schauen.“ Solche gutgemeinten Sätze deuten an, dass Trauergefühle nicht mehr angebracht wären.  Im Netz finden sich die Menschen, die aber noch trauern wollen. Sie erfahren ein Gemeinschaftsgefühl und unterstützen sich gegenseitig. Die Gemeinschaftlichkeit der Trauernden und das Teilen der Verlusterfahrung sind die zentralen Merkmale der Onlineverarbeitung von Trauer.

 

Ein weiterer Punkt ist, dass über 30 Prozent der untersuchten User in Kontakt mit den Toten blieben. Das heißt, dass sie in Momenten der Verzweiflung die Toten direkt anschreiben. Die Worte, die man sonst nur unbeobachtet am Grab in den Boden gesprochen hat, finden im Netz einen Platz. Döveling bringt hier den Begriff der parasozialen Kommunikation ein, der sonst in der Medientheorie genutzt wird, um zu beschreiben, wie Mediennutzer die Schauspieler bzw. deren Figuren wahrnehmen. Ebenfalls in der drunter&drüber | Part II schrieb Andreas Dörner über den Serientod in der Lindenstraße und bezog sich auf dieses Konzept, als er erklärte, warum Menschen um den Tod des Erich Schiller trauerten. Grundlegend für das Konzept der parasozialen Kommunikation ist die Tatsache, dass es keine Gegenseitigkeit gibt. Fans sprechen mit Stars, leben mit ihnen und bekommen keine Antworten. Trauernde sprechen mit den Toten, aber es entsteht kein Dialog. Jedoch wird ein ungeheuer intimer Moment öffentlich geteilt.

 

Ein anderer Aspekt, der in der Studie von Döveling deutlich wurde, ist, dass gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Trauerkommunikation im Laufe der Zeit eine allgemeinere Kommunikation wurde. Man hat nicht mehr nur über den Tod, sondern auch über alles andere miteinander gesprochen. Die Onlinekommunikation fördert die Regulierung der Trauergefühle und scheint einen Weg zurück ins Leben zu ebnen.

 

 

Nach der Lektüre von Dr. Dövelings Studie erschließt sich mir der Sinn von Onlinetrauer.  Und auch wenn ich selbst noch keine Erfahrungen damit gemacht habe, weil die Todesfälle in unserer Familie Menschen waren, die nicht im Netz unterwegs waren, kann ich mir vorstellen, dass gerade das Gefühl des gemeinsamen Verlustes eins große Rolle spielt. Ich habe auf Facebook bereits einige Netzwerke von Eltern beobachtet, die ein Kind verloren haben. Sie äußern sich online sehr intensiv, teilen manchmal sogar Bilder von toten Sternenkindern und schaffen sich einen eigenen Platz, in dem sie trauern (dürfen). Für Externe ist das nicht immer leicht zu ertragen und zu verstehen, doch wenn es den Menschen hilft, ist es gut. 

 

Weitere Texte von Dr. Katrin Döveling:

Auch interessant zum Thema Trauer:

Autorin: Juliane Uhl, Redaktion drunter&drüber


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Wünsche zum fünfjährigen Überleben

Bei der Recherche für die nächste Ausgabe sind wir auf Pieter Hintjens gestoßen, einen belgischen IT-Spezialisten, der sein Sterben zu einem öffentlichen Thema macht. Die folgenden Wünsche für ein besseres Internet äußerte Hintjens anlässlich seines fünfjährigem Überleben. Wir wollen sie euch heute schon mal durchreichen, denn wir sehen jeden Tag, wie hart Menschen im Netz miteinander umgehen.

 

  1.  Mehr Anstand: Unfreundlich zu sein und andere zu beschimpfen oder schlecht machen ist einfach nicht cool und es lässt Dich blöd aussehen.
  2. Weniger Arroganz: Zu sagen, dass man etwas besser weiß, weil man es studiert hat, ist logisch falsch. Es ist auch zu leicht und schwach. Geh raus und mach Fehler! Lerne, indem Du hinter die Fakten schaust, die Du Second-Hand erhältst. Löse echte Probleme mit neuen verrückten Theorien und teile sie.
  3. Runterkommen: Mäßige Deine Beschwerden. Wenn jemand anderer Meinung ist, dann bezeichne ihn nicht als schädlich. Die meisten Menschen sind ehrlich, korrigieren sich selbst und sind aufrichtig.
  4. Nimm Dir Zeit, zu denken: Anstatt zu reagieren, agiere! Nimm Dir die Zeit, das zu lesen, was andere schreiben und versuch zu verstehen, warum sie es schreiben. Argumentiere nicht mit Fakten, argumentiere gegen Interpretationen, oder besser, hilf anderen, ihre Argumente zu verbessern.
  5. Vertrau Dir selbst: Du musst nicht perfekt sein. Gehe jeden Tag ein Risiko ein, indem du etwas Neues lernst und mit jemandem sprichst, den du sonst ignoriert hättest. Wenn Menschen Dir gegenüber feindselig sind, zucke mit den Schultern und mach weiter. Es gibt so viele Menschen auf diesem Planeten. Wer immer Du auch bist, oder was Du auch tust, Du bist kostbar, und es gibt Menschen, die das zu schätzen wissen.

(Die Texte wurden von uns übersetzt. Pieter Hintjens betreibt ein Blog unter www.hintjens.com in dem er über seine Arbeit und sein Sterben schreibt. In der drunter&drüber | Part 3 erscheint ein ganzer Artikel zu dem Familienvater. Bis dahin könnt Ihr Euch die Zeit noch mit der ersten und der zweiten Ausgabe vertreiben.)  

 

 

Die Auseinandersetzung mit dem Tod führt zu den klarsten Einsichten. Deshalb: drunter&drüber lesen und weise werden ;-)

Part I - 20 Seiten

2,00 Euro

 

Vom Ankleiden einer Leiche

Postmortemfotografie

Leben im Hospiz

...

Part I - 42 Seiten

4,00 Euro

 

Hirntod

Trauer und Flüchtlinge

 Der Club 27

...

 

...



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Umzug in den toten Winkel

Während wir die letzten Schritte zur zweiten Ausgabe gehen, sind wir noch umgezogen. Vielmehr haben wir endlich den perfekten Ort für die Redaktion der drunter&drüber gefunden - Der tote Winkel. Dieses Büro nach Art eines offenen Ateliers (wenn jemand da ist, kann man gern reinkommen) befindet sich in Halle (Saale) in  der Reilstraße 120. Von hier aus geht die drunter&drüber nun in die Welt. Der tote Winkel selbst ist das Büro der FUNUS Stiftung. Hier werden auch Veranstaltungen zum Thema Tod stattfinden, die wir immer mal wieder kommentieren. Wir freuen uns auf unseren neuen Kiez, in dem eine Kneipe "Ganz im Gegenteil" heißt. Hier sind wir richtig!

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Blog - Tod und So!


Stadt der Sterblichen

Neben der Produktion des neuen Heftes arbeiten wir im Moment fast ausschließlich für unser Projekt Stadt der Sterblichen.

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