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Montagsinterview: Anja Heinz


Was haben Sie mit dem Tod zu tun?

Ich darf als Freie Rednerin Menschen begleiten auf ihrer Reise des Lebens – von der Wiege bis zur Bahre – von der weltlichen Taufe über eine Freie Trauung bis zur Abschiedszeremonie.
Mit viel Herz und vor allem der Liebe zum Menschen bin ich vor 4 Jahren Trauerrednerin geworden. Seitdem durfte ich über 300 Trauerfeiern begleiten.
Ich möchte berühren und den Angehörigen Kraft schenken und, gemeinsam mit ihnen, mit einer persönlichen und wertschätzenden Trauerfeier an den Verstorbenen erinnern und ihm mit einem würdigen und liebevollen Abschied „Lebewohl“ sagen — sodass es zu einem besonderen Moment für die Familie, Freunde und alle Trauergäste wird.
Gemeinsam gehen wir gedanklich noch einmal auf eine Reise in die Vergangenheit.
Wir rücken den Verstorbenen und seine Geschichte in das Zentrum der verschiedenen Erinnerungen. So viel Leben, Liebe und unendlich viele Bilder stecken in den Geschichten, die uns schmunzeln lassen und zum Weinen bringen.
Diese einzigartigen Augenblicke einfangen und einen liebevollen und erinnerungswürdigen Abschied zaubern — das ist mein Ansporn. 
Der Trauer und den Menschen Raum schenken, gefüllt mit Liebe und Wertschätzung,  und einen im Leben immer verbleibenden Abschied als einen wertvollen zu inszenieren—das ist unsere Aufgabe, als Trauerredner und Bestatter.
"Stille Beisetzungen trösten nicht." William Shakespeare. Recht hat er. Menschen brauchen Menschen und der Tod braucht Trost und Worte. Die Trauerfeier ist ein einmaliges, nicht wiederholbares Ereignis.

Trauerrednerin zu sein, ist nicht nur ein Beruf—es ist mehr. Für mich sind die Liebe und die Verbindung zu den Menschen mein täglicher Antrieb. Denn der Mensch allein ist wichtig. Er zählt in seiner Besonderheit.


Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?
2008 sollte ein Herzenswunsch von meinem Mann und mir in Erfüllung gehen. Ein Kind. Ich war schwanger mit einem kleinen weiblichen Zauberwesen. Mir ging es gut. Diese Zeit war ein Segen. Ihr großer Bruder wünschte sich den Namen Emily Elisabeth für sie.
Doch, wie ich bereits schrieb: SOLLTE. Ich habe in einer 30-stündigen stillen Geburt in der Universitätsklinik Leipzig ein kleines Mädchen zur Welt gebracht. Aber nicht in unsere Welt. Ich wollte sie nicht hergeben. Sie lag gefühlt noch Stunden in meinem Arm. Nur ein winziger Fußabdruck und ein Foto erinnern an diese Zeit. Mit all den Hoffnungen, Wünschen, Sehnsüchten und Schmerzen.
2 Jahre später durfte ihre Schwester das Licht der Welt erblicken. Ich bin so dankbar, 2 gesunde Kinder um mich herum zu haben. Ich denke sehr oft an Emily. 
2015 . Es war der 2. April 2015. Ich hatte ein seltsames Gefühl und spürte, dass etwas anders ist. Ich wusste nicht was. Kurz nach Mitternacht standen die Polizei, das THW und der Krankenwagen vor unserem Haus.
Mit den Worten im Ohr „Ihr Bruder ist letzte Nacht gestorben“, rutschte ich zusammen. Diese Worte werden nie im Herzen ankommen. Es folgten Tage und Nächte in Trance.
Ich werde NIE die Trauerfeier vergessen. Der wundervolle Leipziger Impressario Peter Degner sprach die „Letzten Worte“. Auch wenn mich an kein Wort der Trauerfeier erinnern kann, trage ich sie als etwas „Besonderes“ im Herzen. Familie, Freunde,  Bekannte, seine Kameraden der Bundeswehr – wir alle gingen den letzten Weg mit ihm. Ein Trompeter spielte am Grab. All die Bilder seines „letzten Festes“ sind in meinem Kopf gespeichert und manchmal spule ich den Film ab. Lächel und weine dabei. Es ist ein Lächeln der Dankbarkeit und der Wertschätzung meines Bruders gegenüber. Er war ein so besonderer Mensch. Und es sind Tränen der Traurigkeit. Es ist nicht nur die Traurigkeit darüber, dass er nicht mehr da ist. Sondern auch, dass wir nie wieder zusammen lachen, feiern und diskutieren können, dass er seinen Neffen und seine Nichte nicht aufwachsen sieht. Es ist das Vermissen. Man wünscht sich, dass es wie früher ist. Doch das, was einmal war, ist nicht mehr.

Ein Jahr nach der Trauerfeier habe ich für mich beschlossen, in die Welt zu ziehen und den Menschen besondere Trauerfeiern zu bescheren. Ich bin einfach losgezogen. Ohne zu fragen und zu wissen, wie man das wirklich macht. Vom ersten Trauergespräch an wusste ich, das ist mein Leben. Das ist meine Berufung.
Ich fühle mit den Angehörigen, spüre ihren Schmerz und weine oft mit ihnen. Aber wir lachen auch. Manchmal sogar sehr. Sie entschuldigen sich dann, weil sie denken, sie dürften jetzt nicht lachen. Doch, das dürfen sie. Denn es sind ja die schönen Erinnerungen an den geliebten, verstorbenen Menschen, die sie zum Lachen bringen.

Was macht der Tod mit Ihrem Leben?
Ganz viel. Er hat mich zu einem anderen Menschen werden lassen. Durch meine Arbeit wird mir immer wieder bewusst, dass das Leben morgen vorbei sein kann.
Der Tod erdet mich.
Ich hinterfrage mich mehr- was ich fühle, denke und empfinde und warum.
Ich verstehe andere Menschen mehr und fühle mit ihnen.
Ich lebe und fühle intensiver.
Ich genieße das Leben mehr.
Ich habe gelernt, mich zu lieben.
Ich habe gelernt, dass nichts selbstverständlich im Leben ist. Nicht einmal das Leben selbst. Dieses am wenigsten.
Ich habe versucht, nicht zu hadern oder negativ zu denken. Wir können die Situationen oft nicht ändern. Wir können Verstorbene nicht wieder zurückholen. Wir MÜSSEN das akzeptieren. Wir MÜSSEN damit leben. Wir MÜSSEN unser Leben damit arrangieren. Wir DÜRFEN nicht über der Frage „Warum?“ verzweifeln. Denn wir werden keine Antwort bekommen.
Meine wundervolle Studien-Mentorin gab mir einmal den Rat: „Anni, in jeder negativen Sch… steckt etwas Positives. Vertraue darauf.“ Es heißt nicht, dass es positiv ist. Es heißt nur, dass man den Blick nicht senken darf. Die Toten wöllten nicht, dass unser Leben nun auch vorbei ist. Sie wöllten, dass wir weiterleben, lachen, scherzen und die Sonne im Herzen scheinen lassen. Sie wöllten, dass wir die frohen Augenblicke mit ihnen nicht vergessen und vor allem, dass wir sie nicht vergessen.
Ich verwende gern folgende Worte: „Vielleicht besteht ein Großteil des Lebens einfach nur darin, das Leben zu leben, so wie es ist, sich in Freude zu freuen, in Trauer zu trauern und Kummer zu tragen, doch in all dem den Funken zu wahren, der einem im Inneren am Leben erhält.
Nie den Respekt vor dem Leben zu verlieren und das Schicksal anzunehmen, wie es kommt.“ Leider weiß ich nicht, wer diese wahren Worte schrieb. Es sei mir verziehen, wenn ich ihn hier zitiere.

Was denken Sie über unser Verhältnis zum Tod?
Er ist mein Lehrer geworden, mein Berater. Er hat mich das Leben mit all seinen Facetten mit anderen Augen sehen lassen.

Haben Sie einen Rat an die Menschen, wie sie mit dem Tod umgehen können?
Fürchtet ihn nicht. Fürchtet, nicht gelebt zu haben.
Meine Vision ist, dass ich an meinem 80. Geburtstag am Meer sitze. Mit einem Herzensmensch an meiner Seite und einer Flasche gut gekühlten Prossecco. Und dann möchte ich, wie in der alten „Fielmann“-Werbung, fragen: Wie war dein Leben? Was würdest du anders machen? Ich möchte antworten können: „Baby, du hattest ein verdammt geiles Leben. Es war nicht immer einfach. Du hast gekämpft und weiß Gott, ich musste viel und hart kämpfen. Doch ich habe nie mein Lachen verloren.“


Im April hatte ich Geburtstag. Es war, gerade in verrückten Corona-Zeiten wie diesen, ein anderer. Und doch wünschten mir ganz viele wunderbare Herzensmenschen, dass ich nie meinen unerschütterlichen Optimismus aufgeben soll, weil ich andere Menschen damit anstecke und erheitere, ihnen Mut mache und sie mich als Vorbild sehen, weil Aufgeben für mich NIE eine Option war und ist. Es wird gekämpft und gewonnen! Basta!
Diesen Wunsch habe ich auch für Trauernde und Menschen, die einen geliebten Menschen verloren haben:
Ich wünsche ihnen, dass sie sich neu entdecken, nicht hart werden, nicht aufgeben und wieder das Schöne am Leben sehen. Dass sie sich Zeit nehmen, solange sie brauchen.
Sie müssen die Trauer zulassen, weinen und vielleicht auch schreien, weil es sich anfühlt, als ob das Herz herausspringen möchte. Weil sie das Gefühl haben, es geht nicht weiter. Weil sie keine Kraft haben. Weil sie das Lachen verloren haben. Weil sie sich allein fühlen. Weil sie keine Luft bekommen. Weil es sich anfühlt, als ob die Kehle zugeschnürt ist. Weil sie müde sind von den langen Nächten, wo sie mit Tränen gefüllten Augen gen Himmel schauen. Weil sie wach liegen mit Träumen, die sich nicht erfüllen werden. Weil man sich sehnt nach dem Ort, wo alles wieder so wie früher ist.
Der Ort liegt in ihnen.
Ich wünsche ihnen, dass sie MIT dem Tod leben. Dass sie wieder frei sind. Dass sie voller Frieden werden. Mit sich und dem Leben.
Das wünsche ich ihnen und das möchte ich als Ratschlag mitgeben.

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