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Montagsinterview: Roman Shamov

Roman Shamov ist ein deutscher Schauspieler, Sänger und Autor. Er ist auf den Bühnen des Landes unterwegs und singt bei den Meystersingern.


Was haben Sie mit dem Tod zu tun?

Ich werde sterben. Ich verdränge das. Ich fliehe davor.

 

Ich versuche manchmal stehen zu bleiben, mich umzudrehen, um zurückzuschauen, dann bin ich immer kurz davor in Flammen aufzugehen, mich in Luft aufzulösen, zu explodieren, zu schreien, mich vor Krämpfen windend auf dem Boden zu wälzen, wimmernd um Gnade zu flehen oder hasserfüllt zu brüllen: „Hau ab du Arschloch, lass mich endlich in Ruhe, du Sau, du Aas, du widerliche Dreckskreatur der Hölle, verpiss dich, geh dahin, wo du hergekommen bist!“ Und immer wieder, an genau dieser Stelle meines Angstfilms, überlege ich mir, dass es wohl doch besser ist, weiter zu rennen und lieber doch noch schnell was zu essen, in mich reinzustopfen, so im vorbeigehen, Curry 36, Mustafa’s Gemüse Kebap, ach nee, da muss ich ja dann auch schon wieder stehen bleiben und in der Schlange warten, nee das möchte ich nicht, einfach weiterlaufen, -rennen, -hasten, Musik an, Gehirn aus: „NEIIIIIN.“ geht nicht, der nächste Song war von Dead can Dance (Der Tod kann tanzen), einer Band aus Australien, danke Spotify Shuffle, du machst doch mit der da hinter mir, diesem Fräulein Tod gemeinsame Sache, oder?!

Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

In meiner Jugend waren mir die Friedhöfe der Stadt Berlin/Ost immer eine wohlige Zuflucht, ein Ort des Friedens, der inneren Einkehr.
Endlich keiner mehr, der was von mir will, dass ich lebe, dass ich funktioniere, dass ich OK bin, scheiss drauf.

All die, die hier um mich versammelt sind, haben lange schon ausgekichert, ausgeatmet, sich verpisst, sind abgetreten, auf die Reise ohne Wiederkehr gegangen. Tschühüs, auf Nimmerwiedersehen ihr blöden Vollidioten.

Stille, nur das Rauschen, der mit Efeu überwucherten Hecken und Bäume, kühle Einsamkeit auf den ausgetretenen Wegen zwischen den alten, zerfallenen Gräbern. Krah, krah immer wieder mal eine Krähe mit einer Wallnuss im Schnabel, ein Spatz, ein Eichhörnchen mit einer Haselnuss im niedlichen Mäulchen und Buschelschwanz, wipp, wipp, ganz aufgeregt hier in der reglosen, vor sich hindämmernden Zeitlosigkeit.

Das war und ist mir ein zu Hause, egal wo auch immer ich gerade bin auf der Welt, die Friedhöfe könnten unterschiedlicher nicht sein, die Stimmung ähnelt sich aber überall, ein bisschen wenigstens, in mir, in meiner „Auseinandersetzung“ mit Fräulein Tod zumindest.

Ich bin sehr froh, dass es Friedhof heisst und nicht Todhof oder Verschiedenengarten oder so, dass in dieser Wortschöpfung der Fokus auf dem liegt, was der Ort in mir hervorbringt, das macht mich froh und ist auch schuld daran, dass das Thema Tod einen friedlichen Platz in meinem Leben gefunden hat.

 

Was macht der Tod mit Ihrem Leben?

"Tja, was machstn du mit meinem Leben Tod, hä?“
„Ich?“
„Äh ja, klar, du Tod, oder heisst hier sonst noch jemand so?!“
„Nee.“
"Na siehste, was machstn du nun so mit meinem Leben, hä?!“
„Ich?“
„Jaha, duhu!“
„Na ich mach ja wohl gar nichts mit deinem Leben!“
“Was, wie?!“
„Na wenn hier irgendjemand was mit seinem Leben macht, oder auch nicht macht, dann bist das ja wohl du, nich ich!“
„Boah wie doof, stimmt voll, grumpf!"
„Wieso grumpfstn du da?“
„Na weil ich gehofft hatte, dass ich dich schön für so ganz viele Dinge verantwortlich hätte machen können.“
"Ach, echt?“
„Ja total!“
„Ach…….., wie unpraktisch.“
„Was? Unpraktisch? Wieso?“
„Na wenn du mich für so ganz viele Dinge in deinem Leben verantwortlich machen möchtest, muss es dir doch so vorkommen, als wenn so ganz viele Dinge in deinem Leben gar nichts mit dir zu tun haben würden, so als würdest du dem Leben einfach so ausgeliefert sein und könntest gar nichts dafür, wie alles läuft und ist und so, oder?!“
„Ja genau, genau das wollte ich grade gerne sagen!“
„Ja und? Warum sagst du das dann nicht einfach?“
„Weil du ja gerade gesagt hast, dass du mit meinem Leben so rein gar nichts machst, sondern nur ich.“
„Stimmt.“
„Na super und wofür bist du dann verantwortlich?“
„Na für deinen Tod.“
„Aber du bist doch mein Tod.“
"Stimmt, bin ich und du bist dein Leben.“
„Mh ja, stimmt auch wieder. Grumpf. Aber nur 'n bisschen, versprochen.“

Wenn es gut läuft, dann macht (bringt) der Tod Frieden mit (in) mein(em) Leben.

Dann bewirkt diese mir mehr und mehr bewusst werdende Grenze, diese sich mir mehr und mehr zeigende Vergänglichkeit Wertschätzung in meinem Leben. Wertschätzung für die, die mir nahstehen, Mensch und Tier, für mein am Leben sein, die Schönheit und die Intensität meiner Arbeit und meinen Mut, mich mit all dem auseinanderzusetzen, mit dem ich mich auseinandersetze, mehr oder weniger freiwillig, eigentlich wirklich mehr freiwillig. Wertschätzung für den jetzigen Augenblick, die Stille und die Weite, die entsteht wenn ich mal, und das kann ich noch nicht so oft, aber eben wenn ich es manchmal schaffe innezuhalten und mir gewahr zu werden, wo und wie ich gerade unterwegs bin. So wie jetzt, hier in diesem Augenblick, in dem ich diese Worte niederschreibe und sich in mir ein Pforte öffnet, die mich gewahr werden lässt, dass irgendetwas hinter und in mir lächelt und mich tief, ganz tief und samten mit seinen wohlwollenden, warmen Armen umfängt. Aus dieser Wahrnehmung heraus entsteht Glück in mir, das Glück sich geborgen zu fühlen und genauso richtig zu sein, wie ich hier und jetzt gerade bin, ein schönes Gefühl, dass aber auch gleich wieder weiterzieht, so als hätte es mir nur einmal kurz zugeblinzelt, da blinzele ich doch gleich mal zurück und schicke einen Kuss hinterher, danke!

 

Was denken Sie über unser Verhältnis zum Tod?

Dazu fällt mir sofort ein Zitat Wladimir Iljitsch Lenins ein: „Lernen, lernen, nochmals lernen.“

Da es sich aus irgendeinem Grund, der mir nicht ganz klar ist, in unserer Vergangenheit so entwickelt hat, dass die Themen Tod und Sterben nicht einmal mehr mit der Kneifzange angefasst werden, dass im Radio und im Unterhaltungsfernsehen alles immer bis zum Bersten, mit Pauken und Trompeten, guter Laune und Schwung weggefeiert werden muss, bloß nicht mal kurz zu sich kommen, bloß nicht mal kurz anhalten und sich auch dessen gewahr werden, was tief in uns schmerzt und sich unangenehm anfühlt, haben wir es ein bisschen verlernt uns unserem Leben in voller Gänze zuzuwenden. Aber, und das ist mir hier besonders wichtig: Zu verallgemeinern ist meistens nicht wirklich angebracht, oder zumindest nicht wirklich hilfreich, denn ich kenne ganz wunderbare Menschen, die mit dem was sie tun jetzt schon einen grossen Unterschied gemacht haben und auch noch weiter einen grossen Unterschied machen werden. Ich danke diesen Menschen aus vollem Herzen für ihren Mut und ihr Engagement, dem Sterben und dem Fräulein Tod gegenüber. Sie haben vielen von uns schon geholfen, so dass Tod und Sterben nicht mehr ganz so entsetzliche Schreckgespenster in unseren Häusern sein müssen. Ihr macht, dass wir mit weniger Angst vor dem Unvermeidlichen, erst richtig anfangen können, unser Leben zu geniessen, dass habe ich zumindest in den letzten Jahren immer und immer wieder von euch gelernt. Meinen tief empfundenen Dank dafür an euch.

Haben Sie einen Rat an die Menschen, wie sie dem Tod begegnen könnten?

Am besten nicht so viel darüber nachdenke, wenn es geht, lesen, lernen, sich kulturell und philosophisch mit dem Thema auseinander setzen JA, unbedingt, aber stell dir nichts vor, versuche so gut es geht offenen Auges und Herzens auf Fräulein Tod zuzugehen. Du kannst nicht wissen wie sie aussieht und wie sie sich dir und den von dir geliebten Menschen und Tieren nähern wird.

Es wird immer eine grosse Herausforderung bleiben mit dieser Situation umzugehen, versuche sanft mit dir und deinen geliebten Menschen zu sein. Es wird weh tun. An dem Punkt, an dem ich heute bin, bin ich der Meinung, dass der Schmerz unabdingbar zum Leben und der Liebe dazugehört, so sehr ich auch gerne raus auf die Strasse gehen möchte und laut dagegen protestieren: "Nieder mit dem Schmerz, hau ab, hau ab, hau ab, geh dahin wo dich...., äh, wo dir....., äh wo ich........." Da hört der Protest dann leider auch schon auf, da bin ich leider völlig ratlos. Ich versuche mir immer wieder zu sagen, wenn etwas dein Herz berührt, bzw. in aller Form erobert hat und wenn du den Mut und die Kraft gehabt hast jemanden, ob Tier oder Mensch in dein Herz hineinzulassen, dann wirst du auch die Kraft und den Mut haben ……. es wieder los zu lassen?! Ich weiß es nicht, dass sage ich hier ganz offen, ich habe keine Ahnung ob das stimmt, aber ich möchte es gerne glauben und werde davon zu berichten wissen, dann später, wenn wir uns ein nächstes mal lesen, sprechen, sehen.


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