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Buchschau: Meine Mutter, das Alter und ich


Katja Jungwirth ist Journalistin, Mutter und Großmutter. In ihrem Buch Meine Mutter, das Alter und ich ist sie aber vor allem Kind. Nicht das Kind, das man sich denkt, wenn man an Kinder denkt, sondern das Kind, das sich um die alte Mutter kümmern muss. Die Mutter, die irgendwie auch zum Kind wird, aber sich nicht so verhalten will. Die Rollen sind vertauscht und wollen sich nicht einfinden an ihrem neuen Platz.

 

Weder Kindmutter noch Mutterkind können reibungslos mit dem neuen Lebensabschnitt umgehen, in dem plötzlich wieder eine auf die andere angewiesen ist. Die Tochter ist hilflos, die Mutter hat Angst. Angst und Ansprüche, die ein ständiges schlechtes Gewissen evozieren.

 

 

Das Kind versucht, die Mutter aus ihrem Kindsein zu holen, indem es Zahnschmerzen vorspielt. Vielleicht rettet Mütter das Kümmern um ihre Kinder in den letzten Jahren. Wie oft sieht man sie im Sterbebett noch sich sorgend um die Kinder? Mütter sind doch so groß und stark, wie der Felsenbeißer in der Unendlichen Geschichte, der so große Hände hatte und doch nichts halten konnte. Ist Krankheit das Nichts, dass aus großen Händen Siebe macht, durch die die Tage einfach nur durchfallen?

 

 

Die Mutter sucht sich ein Grab aus, ein gut erreichbares und bekommt ein IPad, das ihr Übungen zeigt und Werbung, die sie hektisch wegdrücken will. Alltag mit Alten, um die man sich kümmert. „Aber […] die starke Mutter gibt es nicht mehr. Da liegt ein kleiner, hilfloser Mensch im Bett und man steht genauso hilflos davor“ schreibt die Autorin. Das Kind steht vor der Mutter und sieht sie wie ein Kind. „Ich möchte bleiben. Ich möchte aber auch flüchten.“

 

 

Neben ihren eigenen Schwierigkeiten mit der Situation beschreibt Katja Jungwirth auch die einer Gesellschaft, die lieber jung sein will und in der sich die Mutter hässlich findet. „Es geht um die Anerkennung des Alters, um die Schönheit im Alter, um die Würde und den Wunsch vieler alter Menschen, wahrgenommen, angeschaut, angelächelt zu werden. Und der Wunsch zu gefallen hat ja kein Ablaufdatum“.

 

 

Die Mutter soll ins Pflegeheim ziehen, wünscht sich betreutes Wohnen. Und die Tochter empfindet es als einen weiteren Schritt von ihr weg. Müssen pflegende Töchter besser loslassen lernen? Wie Eltern, die die Kinder frei lassen, lassen Kinder irgendwann die Eltern frei? Romantische Vorstellung, aber so einfach ist es wohl nicht. Der Gang in die Freiheit ist nicht vergleichbar mit dem Umzug ins Heim. Aber jeder muss ja auch sein eigenes Leben leben. „Vielleicht fehlt mir die Leichtigkeit. Vielleicht nehme ich die Betreuung meiner Mutter zu ernst“ sagt das Kind.

 

 

Das Buch Meine Mutter, das Alter und ich ist ein leises Buch. Man liest es nebenbei, während man die Kinder bekocht, während man den Haushalt macht, beim Einschlafen, während ein Kind im Arm leise schnarcht. Und bei jedem Umblättern denkt man sich: „Hoffentlich habe ich dazwischen ein paar Jahre für mich.“

 

(JU)

 


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