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Wenn alles offen ist ...

Neulich habe ich von einem Todesfall erfahren, der mir sehr nahe geht. Den Verstorbenen kannte ich nicht, doch mit seiner Mutter verbindet mich etwas. Als ich von dem Unglück hörte, reagierte mein Körper mit erhöhtem Herzschlag und leichter Übelkeit, seitdem bin ich unruhig, denn ich möchte irgendetwas tun. Das Mittel, welches mir zu Verfügung steht, ist eine Beileidskarte, doch es widerstrebt mir, eine solche zu kaufen und Phrasen abzuschicken.

 

 

Wikipedia definiert die Kondolenz als alle Formen der Beileidsbekundung. Das Wort kommt vom lateinischen condolere, was Mitgefühl bei anderer Leid haben, Mitleid haben bedeutet.  Diese Definition trifft das, was in mir vorgeht: Ich fühle mit und das möchte ich mitteilen. Warum eigentlich? Um wessen Bedürfnis geht es hier?

 

 

Ich habe keine Vorstellung davon, wie sich eine Mutter fühlt, die ihren Sohn verloren hat. Es ist mir noch nicht passiert. Allein die Ahnung dieses Schmerzes geht über das hinaus, was ich mir ausmalen möchte. Demzufolge weiß ich auch nicht, was ihr helfen könnte, was ich geben oder schreiben kann. Vielleicht gibt es auch einfach nichts, was im Moment Trost spendet. Dazu ist alles noch so frisch. Welche Worte soll ich also wählen? Ist es vielleicht doch einfacher, eine schlichte Karte mit einem weisen Satz zu kaufen und lediglich die Floskel und meine Unterschrift hineinzusetzen?

 

 

„Die Kondolenz wird dem Menschen, der von einem Todesfall betroffen ist, in einer fest stehenden Redewendung persönlich zugesprochen“ steht bei Wikipedia. Ich kann mich erinnern, wie schwer es war, diese fest stehenden Redewendungen bei der Bestattung meiner Schwiegermutter zu ertragen. Dreißigmal „Herzliches Beileid“ zu hören und immer nur dazu nicken zu können – das war ein Kraftakt. Die vielen Beileidskarten haben wir am Ende nur noch gezählt, denn die Inhalte unterschieden sich kaum. Können wir einander nur in Floskeln beistehen?

 

 

Nein, das liegt mir nicht. Ich möchte etwas Persönliches schreiben, mir Zeit für diese Zeilen nehmen. Also schreibe ich auf ein weißes Blatt Papier mit schwarzer Tinte, ohne Floskeln, was in meinem Kopf ist. Um ihr mitzuteilen, dass meine Familie und ich an sie denken, dass wir da sind, wenn sie uns braucht. Mehr gibt es nicht zu sagen.

 

Während ich schreibe, denke ich darüber nach, was eigentlich „erlaubt“ ist. Darf ich als ferne Bekannte einen solchen Brief schreiben? Was sagen die Angehörigen dazu, wer darf eigentlich wie trauern und gibt es eine Reihenfolge dabei? Der Verlust von Trauerkonventionen befreit uns zwar von dem Floskelhaften, stellt uns aber auch vor die Wahl aller Möglichkeiten. Es ist durchaus möglich, dass solche persönlichen Bekundungen polarisieren. Bei der Beerdigung meines Großvaters habe ich an das Trauergesteck eine gelbe Schleife binden lassen, auf der stand mit einem Lächeln. Denn so wollte ich ihn verabschieden, mit einem Lächeln, das ihm entgegen strahlt. Allein diese kleine Geste war schon ein Punkt, um Anstoß zu nehmen. Wir spüren, dass die alten Regeln der Trauer nicht mehr zeitgemäß sind, bzw. keinen tieferen Sinn mehr ergeben, können aber noch nicht mit individuellen und persönlichen Lösungen umgehen. Das ist ein Dilemma.

 

Doch ich will mir nicht zu viele Gedanken um das machen, was man darf und was nicht. Ich binde meine Familie ein und wir überbringen den Trauernden etwas von Herzen. Zu dem Beileidsbrief lege ich einen bemalten Stein von meiner Tochter, etwas zum Berühren, in einer Zeit, in der die Welt nicht zu begreifen ist. Und eine Tafel Schokolade – das war mein erster Impuls, als ich kondolieren gehen wollte. Wäre ich in Trauer, dann würde ich in den schwersten Stunden Schokolade essen. Denn was kann man sonst der Verbitterung entgegen setzen?   

 

Juliane Uhl

 

 

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