Was soll eigentlich die Online-Trauerei?

Selbst Tageszeitungen bieten inzwischen online Trauerportale und die Menschen nehmen diesen Angebot an. Warum ist das so? Was bewegt sie und was bringt das Trauern im Netz? - Ein Einstieg von Juliane Uhl

Auch wenn ich im Netz fast schon zu Hause bin, schätze ich das Offline-Dasein sehr. Desto mehr verwunderte mich immer, dass Menschen online um Verstorbene trauern. Die Trauer ist doch so ein intimes und auch sehr privates Gefühl; was bringt die Leute dazu, das öffentlich auszuleben?

 

Ohne weiteren Input kann ich mir diese Frage nicht beantworten, also nehme ich mir einen Artikel von Dr. Katrin Döveling zu Hand. Sie ist Vertretungsprofessorin im Bereich empirische Kommunikations- und Medienforschung und beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit dem „Phänomen“ der Onlinetrauer. Im Herbst 2014 veröffentlichte sie unter dem Titel Emotion regulation in bereavement: Searching for and finding emotional support in social network sites einen Text im New Review of Hypermedia and New Media.

 

Eigentlich ist die Frage selbst ja doch schon ein bisschen naiv, denn natürlich erstreckt sich die Trauer auch in den Cyberspace, wenn Menschen immer öfter diesen Raum als Teil ihrer Lebenswelt betrachten: Wer seine Gedanken und Gefühle online teilt, der wird sicher auch seine Trauer online thematisieren.

Es gibt dafür Trauerportale, auf denen man eine Trauerseite für den Verstorbenen einrichten kann, auf der dann auch kondoliert und sich ausgetauscht wird. Aber solche Kommunikation findet auch direkt in den sozialen Netzwerken, z.B. im Facebook-Profil des Toten statt. Das Netz wird immer bedeutsamer für die Kreation unserer eigenen Identität, und das digitale Weiterleben in Form einer Gedenkseite macht uns ein wenig unsterblich. Hinzu kommt, dass die Auslebung von Trauer im Internet sehr flexibel gestaltet werden kann: Man kann posten, wann mal will, und ist nicht abhängig von festen Zeiten. Die Anonymität des Netzes und das Gefühl, mit Gleichgesinnten zu sprechen, erzeugen eine große Offenheit bei der Gefühlsäußerung.

 

Dr. Katrin Döveling hat in drei Trauerportalen 2127 Einträge von 318 Usern untersucht, um herauszufinden, warum Menschen online trauern und was diese Form der Trauer bewirkt. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Trauer immer auch eine soziale Dimension hat, denn die Gesellschaft setzt einen Rahmen dafür, wie Trauer gelebt werden kann und sollte. Während früher für mindestens ein Jahr getrauert wurde, ist der „zugelassene“ Zeitraum heute wesentlich kürzer. Im DSM V, dem Diagnosebuch für psychische Störungen der amerikanischen psychiatrischen Vereinigung, wird die Trauer zwar als normal angesehen, kann aber nach zwei Wochen schon zur Depression erklärt werden. Dr. Dirk Lanzerath hatte in der drunter&drüber | Part II ein wunderbaren Artikel über die Trauer geschrieben, den es sich unbedingt zu lesen lohnt.

 

Doch kommen wir zurück zur Trauer in online-Portalen. Döveling fand heraus, dass Männer, Frauen und Jugendliche online über ihre Trauer sprachen, weil sie sich offline nicht verstanden fühlten, bzw. keine Unterstützung in ihrer Trauer mehr erhielten. Döveling spricht hier von entrechteten (disenfranchised) Emotionen, die nicht mehr anerkannt werden. „Jetzt ist aber mal gut mit der Trauer.“, „Bist du denn immer noch nicht darüber weg?“  oder „Du musst jetzt mal nach vorn schauen.“ Solche gutgemeinten Sätze deuten an, dass Trauergefühle nicht mehr angebracht wären.  Im Netz finden sich die Menschen, die aber noch trauern wollen. Sie erfahren ein Gemeinschaftsgefühl und unterstützen sich gegenseitig. Die Gemeinschaftlichkeit der Trauernden und das Teilen der Verlusterfahrung sind die zentralen Merkmale der Onlineverarbeitung von Trauer.

 

Ein weiterer Punkt ist, dass über 30 Prozent der untersuchten User in Kontakt mit den Toten blieben. Das heißt, dass sie in Momenten der Verzweiflung die Toten direkt anschreiben. Die Worte, die man sonst nur unbeobachtet am Grab in den Boden gesprochen hat, finden im Netz einen Platz. Döveling bringt hier den Begriff der parasozialen Kommunikation ein, der sonst in der Medientheorie genutzt wird, um zu beschreiben, wie Mediennutzer die Schauspieler bzw. deren Figuren wahrnehmen. Ebenfalls in der drunter&drüber | Part II schrieb Andreas Dörner über den Serientod in der Lindenstraße und bezog sich auf dieses Konzept, als er erklärte, warum Menschen um den Tod des Erich Schiller trauerten. Grundlegend für das Konzept der parasozialen Kommunikation ist die Tatsache, dass es keine Gegenseitigkeit gibt. Fans sprechen mit Stars, leben mit ihnen und bekommen keine Antworten. Trauernde sprechen mit den Toten, aber es entsteht kein Dialog. Jedoch wird ein ungeheuer intimer Moment öffentlich geteilt.

 

Ein anderer Aspekt, der in der Studie von Döveling deutlich wurde, ist, dass gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Trauerkommunikation im Laufe der Zeit eine allgemeinere Kommunikation wurde. Man hat nicht mehr nur über den Tod, sondern auch über alles andere miteinander gesprochen. Die Onlinekommunikation fördert die Regulierung der Trauergefühle und scheint einen Weg zurück ins Leben zu ebnen.

 

 

Nach der Lektüre von Dr. Dövelings Studie erschließt sich mir der Sinn von Onlinetrauer.  Und auch wenn ich selbst noch keine Erfahrungen damit gemacht habe, weil die Todesfälle in unserer Familie Menschen waren, die nicht im Netz unterwegs waren, kann ich mir vorstellen, dass gerade das Gefühl des gemeinsamen Verlustes eins große Rolle spielt. Ich habe auf Facebook bereits einige Netzwerke von Eltern beobachtet, die ein Kind verloren haben. Sie äußern sich online sehr intensiv, teilen manchmal sogar Bilder von toten Sternenkindern und schaffen sich einen eigenen Platz, in dem sie trauern (dürfen). Für Externe ist das nicht immer leicht zu ertragen und zu verstehen, doch wenn es den Menschen hilft, ist es gut. 

 

Weitere Texte von Dr. Katrin Döveling:

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Autorin: Juliane Uhl, Redaktion drunter&drüber


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Kommentare: 1
  • #1

    Gabriele Haas (Donnerstag, 04 August 2016 20:04)

    Zunächst DANKE für den aufschlussreichen Beitrag.
    Ich schrieb bereits an anderer Stelle, dass auch ich meine Schwierigkeiten mit dieser Art seine Trauer auszudrücken - HATTE! Für mein eigenes Verständnis sowie des Berufes wegen beschäftige ich mich u.a. damit, wie unterschiedlich Trauerwege verlaufen, wie unterschiedlich Trauer gelebt wird.
    ONLINE TRAUERN - ich denke inzwischen , dass es für den Trauerprozess durchaus hilfreich und wichtig sein kann sich z.B. in sozialen Netzwerken auszutauschen / sich zu informieren / sich mitzuteilen.
    Mit Besorgnis beobachtige ich seit geraumer Zeit jedoch auch, dass auf einigen Seiten via Facebook eine Art "Wettbewerb des Trauerns" zu herrschen scheint, sich hier gar wüst beschimpft wird, unter dem Motto "ich trauere viel mehr als du" usw. ... das wiederum ist für mich sehr befremdlich und wenig hilfreich für einen trauernden Menschen.

    ***

    Wenn es nun aber für jemanden ein Weg sein kann, sich "online" mit seiner Trauer auseinanderzusetzen, so respektiere ich das. Virtuell oder nicht, jeder Mensch kann schließlich selbst entscheiden, was gut für ihn ist.